Editorial

Liebe LeserInnen,

im Januar 2005 erschien in Prag ein neuer Sammelband unter dem Titel Dreisesselberg-Studien zur mitteleuropäischen Kultur und Zeitgeschichte. Mit unseren Studia germanica et austriaca ist diese Neuerscheinung eng verbunden - der Dreisesselberg ist aus den E-Heften hervorgegangen, das wir seit Frühjahr 2002 herausgeben und das weiterhin als ein "Internetableger" des gedruckten Dreisesselbergs geplant ist. Deshalb finden Sie unter Inhalt der Nummer im linken Menü eine PDF-Datei des Dreisesselberges zum Downloaden.

Der "Dreisesselberg" als eine, wenn auch in Zukunft nicht ganz deckungsgleiche, gedruckte Version des E-Journals soll den im Laufe der Zeit festgestellten Mängeln eines E-Journals Rechnung tragen: So konnte bisher zwar, wie ursprünglich geplant und gehofft, ein nach fachwissenschaftlichen Regeln betreutes E-Journal mit einem geringem finanziellen Aufwand vorbereitet und für ein großes, potentiell unbegrenztes Lesepublikum angeboten werden. Auf der anderen Seite erwies es sich jedoch unter Beibehaltung des geforderten wissenschaftlichen Niveaus, der editorischen Ansprüche und der geplanten halbjährlichen Periodizität - als relativ schwierig, Autoren und Autorinnen für ein unkommerzielles E-Journal zu gewinnen, zumal diese Publikationsform für die wissenschaftlichen Bibliographien immer noch als wenig seriös betrachtet wird.

Nichtdestoweniger werden die ursprünglichen Leitvorstellungen auch für den "Dreisesselberg" bestimmend bleiben. Es handelt sich vor allem um die Schaffung eines Raumes für deutsch- bzw. englischsprachige Beiträge zur mitteleuropäischen Kultur- und Zeitgeschichte innerhalb der tschechischen Wissenschaftslandschaft. In keinem Falle versteht sich die Zeitschrift jedoch als eine deutschsprachige tschechische historische Zeitschrift, da ihr grenzüberschreitender Charakter gerade Beiträge von Autoren verschiedener Nationalitäten und vor allem verschiedener Forschungsansätze und Sichtweisen verlangt.

Die erste "Probenummer" des Dreisesselbergs eröffnende Studie von Michael Parak (Leipzig) vergleicht die Entwicklung der ostmitteleuropäischen Universitäten seit der Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur historischen Zäsur des Jahres 1945. Parak beschreibt die vielfältigen Auswirkungen der ethnischen und nationalen Auseinandersetzungen an den Universitäten bzw. Hochschulen und betont vor allem die Rolle und Bedeutung der Sprachenfrage an diesen Institutionen. Dabei skizziert er die unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten dieser Frage, die sich im Laufe der Zeit an verschiedenen Orten entwickelt haben.

Vojtech Šustek (Prag) widmet sich in seinem Beitrag den Auswirkungen des nach dem Tod von Heydrich einsetzenden NS-Terrors gegen die tschechische Bevölkerung des Protektorats ("Heydrichiade") auf den "kleinen Mann". Die Studie stützt sich vor allem auf die Akten der deutschen Besatzungsbehörden und -organe. Anhand vieler Beispiele der NS-Verfolgung stellt Šustek den Charakter des NS-Terrors in der Zeit der "Heydrichiade" aus der Sicht "von unten" dar und schildert eindrucksvoll die durch den NS-Terror hervorgerufene deprimierende Atmosphäre der Angst, der Gerüchte und der Massenhysterie unter den tschechischen Bewohner des Protektorats. Die These, dass die deutsche Okkupation im Allgemeinen und der NS-Terror nach dem Attentat auf Heydrich im Besonderen als ein Grenzstein und Wendepunkt auf dem "Weg in die Katastrophe" des deutsch-tschechischen Zusammenlebens zu werten sind, wird von Šusteks Beitrag nochmals bestätigt.

Gertrude Cepl-Kaufmann und Antje Johanning (Düsseldorf) beschreiben in ihrem Aufatz die Anfangsjahre des bekannten Düsseldorfer Kabaretts "Kom(m)ödchen". Obwohl die Vorgeschichte des "Kom(m)ödchen", wie aus dem Beitrag hervorgeht, auch gewisse Verbindungen zur Vorkriegstschechoslowakei aufweist, widmen die Autorinnen ihr Hauptaugenmerk den Nachkriegsjahren. Viele Nachkriegskabaretts, eine typische Erscheinung der kulturellen Landschaft dieser Umbruchzeit, haben die bundesrepublikanische Staatsgründung und Stabiliserung der fünfziger Jahre nicht überlebt. Eine Ausnahme bildet gerade das "Kom(m)ödchen". Obwohl es nach 1945 in einer Stadt ohne Kabaretttradition entstand, bildet es bis heute einen Bestandteil des kulturellen Lebens der Rheinmetropole. Cepl-Kaufmann und Johanning stellen nicht nur die Gründung des Kabaretts in der unmittelbaren Nachkriegszeit und seine ersten Jahre dar, ihre Studie führt vielmehr bis in die Adenauer-Ära. Der Aufsatz endet mit einem Kapitel über das "Kom(m)ödchen" als einem Botschafter eines "anderen" Deutschland in dem früher verfeindeten Ausland. Cepl-Kaufmanns und Johannings Beitrag bietet am Beispiel eines kritischen und zugleich demokratiebewussten Kabaretts eine andere Sichtweise auf das erste Nachkriegsjahrzehnt in Deutschland. Als Beispiel einer kulturellen Aufarbeitung der Probleme und Auseinandersetzungen einer Umbruchzeit ist er zweifellos nicht nur für die deutsche Zeitgeschichte von Interesse.

Der Beitrag von Miloslav Szabó (Prag) ist methodologisch anders angelegt. In einem theoretischen und philosophischen Kontext analysiert er eines der für die Ideologiegeschichte des 20. Jahrhunderts bedeutendsten Bücher - Chamberlains "Grundlagen des 19. Jahrhunderts". Im Unterschied zur landläufigen Deutung sieht er in Chamberlains Opus magnum nicht nur die schlichte Übertragung der naturwissenschaftlichen Denkansätze auf die Welt der Menschen, sondern erkennt in ihm auch eine kulturelle Dimension. Die Aufklärung mit ihrem Fortschrittsoptimismus und Glauben an die die Welt ordnende und erklärende Kraft der menschlichen Vernunft wurde seit der Hälfte des 19. Jahrhunderts durch immer neue Ideologien herausgefordert. Szabó sieht in diesem Zusammenhang Chamberlains Buch als einen Versuch einer "Totaldeutung" der Menscheit und ihrer Geschichte mit unverkennbaren religiösen Aspekten. Da zu den eifrigen Lesern Chamberlains neben vielen anderen auch Alfred Rosenberg gehörte, sind die "Grundlagen des 19. Jahrhunderts" kein bloßes Kuriosum: Es trägt auch zum Verständnis und zur Gesamtdeutung des Phänomens des Nationalsozialismus bei.

Mit dem Beitrag von Pavel Zeman (Prag) wird nochmals das deutschtschechische Verhältnis angesprochen. Anhand des Fallbeispiels des Dokumentarfilms "Crisis" stellt er die Rolle und Bedeutung der Cinematographie in der Zeit der Bedrohung der tschechoslowakischen Demokratie Ende der dreißiger Jahre dar.


Eine interessante Lektüre wünschen Ihnen
Ota Konrád und Blahoslav Hruška