Editorial

Liebe LeserInnen,

nach einem halben Jahr melden wir uns zurück mit der zweiten Nummer der Studia germanica et austriaca. Ähnlich wie in der ersten Nummer ist auch diese Ausgabe in zwei Teile gegliedert – im ersten Teil finden Sie Aufsätze, die zweite Hälfte enthält Besprechungen und Meldungen.


Die aktuelle Nummer wird mit einem Aufsatz von Dieter Stiefel eröffnet. Stiefel befaßt sich mit dem Thema der Arbeitslosigkeit im Vorkriegsösterreich. Der Zerfall der Habsburgermonarchie bedeutete für die junge österreichische Republik nicht nur einen Macht- und Prestigeverlust. Es entstand zugleich auch die Notwendigkeit, die Wirtschaftsstruktur der Republik neu zu entwickeln bzw. gar die Basis dafür zu schaffen. Es waren jedoch nicht nur diese strukturellen Probleme der österreichischen Wirtschaft, die für die Arbeitslosigkeit verantwortlich waren. Stiefel weist auch auf das Fehlen einer konzeptionellen Arbeitsmarktpolitk seitens der politischen Kreise hin. Wie Stiefel andeutet, waren es auch diese unbewältigten wirtschaftlichen Probleme, die (zusammen mit politischen und kulturellen Faktoren) die Überzeugung breiter österreichischer Schichten über die Unlebendigkeit des “kleinen” österreichischen Staates verfestigt haben. Mit diesem Beitrag, wie auch mit dem Beitrag von Rathkolb, möchten wir eines der Desiderata der ersten Nummer der SGA erfüllen.


Der Aufsatz von Philipp Ther scheint auf den ersten Blick nicht in die Thematik unseres E-Journals zu passen. Es war jedoch nicht nur die Tatsache, daß der Autor selbst Bezug auf die deutsch-tschechischen Beziehungen nimmt, sondern auch die in der jüngeren Forschung sich allmählich durchsetzende Ansicht über die Nützlichkeit der Einbeziehung des deutsch-tschechischen Verhältnisses in eine breitere Perspektive der europäischen Zwangsmigrationen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die uns bewogen haben, diesen Aufsatz in unser Journal aufzunehmen. Ther untersucht die höchst interessante Geschichte des polnisch-ukrainischen Zusammenlebens in den osteuropäischen Mischgebieten vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen und bolschewistischen Politik und Ideologie in diesen Regionen. Von den Primärquellen ausgehend beschreibt Ther den “kleinen Krieg” der beiden Nachbarn inmitten des “großen Krieges” und die letztendlich maßgebende Rolle der beiden Großmächte. “Eine weitere Scheidung zweier ostmitteleuropäischer Völker” - die hier als ein Ergebnis eines mehrschichtigen Prozesses von “klassischem” nationalen Haß, nationalsozialistischer Vernichtungspolitik, sowjetischen ideologischen und strategischen Zielsetzungen und last but not least der damaligen Überzeugung einiger bedeutender westlicher, demokratischer Politiker über die Nützlichkeit der ethnischen Homogenisierung der historisch gewachsenen, mischsprachigen osteuropäischen Regionen detailliert dargestellt wird - kann als Fallbeispiel der multikausalen europäischen Zwangsmigrationen der 40er Jahre angesehen werden. Nicht nur diese Mehrschichtigkeit der ganzen Problematik, sondern auch die Feststellung des Autors, daß sich die ursprüngliche Vorstellung über die Möglichkeit eines “human” durchgeführten massenhaften Bevölkerungstransfers als illusorisch erwies, halten wir für die Hauptergebnisse dieser Studie.


Im Unterschied zu Stiefel und Ther befaßt sich Martin Jeøábek mit einer fast gegenwärtigen politischen Diskussion. In seinem Beitrag, der an der Grenze zwischen Zeitgeschichte und Politikwissenschaft steht, verfolgt Jeøábek die Diskussion über die “neue” Ausrichtung der deutschen Außenpolitik und die Rolle des vereinigten Deutschlands in Europa und in der Welt in den 90er Jahren. Eine Fülle von Sekundärliteratur macht diesen Aufsatz außerdem zu einer nützlichen Übersicht über die Gesamtproblematik.


Der zweite Teil, der im Unterschied zur ersten Nummer inhaltlich breiter wurde, wird mit einem Gespräch eingeleitet, das Petr Šafaøík mit dem Düsseldorfer Historiker Volker Zimmermann geführt hat, der unseren LeserInnen schon aus der ersten Nummer der SGA bekannt ist.


Oliver Rathkolb berichtet in seinem englischsprachigen Text über die Tätigkeiten der Fach- und Historikerkommissionen zu dem heiklen Thema der Verwicklung des österreichischen Bankwesens und der Industrie in den Holocaust, das erst seit dem Anfang der 90er Jahre öffentlich diskutiert wird. Rathkolbs Bericht ist in zweierlei Weise bedeutsam – erstens faßt er wichtige Tatsachen zusammen, die sonst nur verstreut zu finden sind, zweitens schreibt er aus der persönlichen Erfahrung eines Kommissionsmitglieds.


Es wurde öfters – vor allem in der letzten Zeit – auch von bedeutenden Politikern beider Seiten mit Bedauern festgestellt, daß es keine österreichisch-tschechische Historikerkommission, als ein Analogon zu der auch der breiteren Öffentlichkeit bekannten Deutsch-Tschechischen Historikerkommission, gebe. Auch in diesem Zusammenhang verdient der Beitrag von Miroslav Kunštát und Václav Bùžek über die Österreichisch – Tschechische Historikerkommission Aufmerksamkeit (beide Autoren sind schon länger in eben dieser angeblich nicht existierenden Kommission tätig). Kunštát und Bùžek verfolgen nicht nur die Entstehungsgeschichte der Kommission und ihre institutionelle und personelle Entwicklung - sie beschreiben darüber hinaus auch ihre reiche fachliche Tätigkeit, die beide Autoren durch eine ganze Reihe von Veröffentlichungen belegen.


Dem Beitrag von Jiøí Pešek geht ein Tagungsbericht von Lucie Pánková voran: Sein eben auf dieser internationalen Tagung Zwangsmigrationen in Europa 1938 – 1950 gehaltenes Referat hat Jiøí Pešek in einen Beitrag über die Zwangsmigrationen von Tschechen und Deutschen 1938-1949 in der tschechischen Geschichtswissenschaft seit 1989 ausgearbeitet. Diesen Beitrag kann man nicht nur als eine Ergänzung zur Zwangsmigrations-Problematik, die in dieser Nummer schon mit dem Aufsatz von Ther vertreten ist, sondern darüber hinaus auch als eine hilfreiche Zusammenfassung der (nicht nur) tschechischen historiographischen Produktion zu diesem Thema ansehen.


Lydie Holinková beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Geschichte und den neuesten Aktivitäten rund um das Thema “Böhmisches Dorf in Berlin-Neukölln”. Dieses interessante tschechisch-deutsche Kulturthema beschreibt sie aus der Position eines ehemaligen Presse- und Kulturattachés der Tschechischen Republik in Berlin.


Zum Schluß möchten wir uns bei unserer sprachlichen Korrektorin – diesmal Nina Lohmann aus Düsseldorf – herzlichst bedanken. Einen großen Dank verdienen jedoch auch unsere Autoren, die uns ihre Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Wir freuen uns, daß wir in dieser Nummer die Beiträge als erste publizieren können. Dank unseren Autoren können wir, wie wir hoffen, aus der anfänglichen Idee eines deutsch-tschechischen historischen und kulturellen E-Journals in der Zukunft eine Tradition machen. Die vielen positiven Reaktionen, die wir nach der ersten Nummer der SGA bekommen haben, haben uns überzeugt, daß ein solches Projekt von Bedeutung ist. Zugleich zeigte sich, daß das Tempo von zwei Nummern jährlich – mit Rücksichtnahme auf unsere Möglichkeiten - eine optimale Lösung ist, um auch die aktuelle Ereignisse widerspiegeln zu können. Zum Schluß also eine Vorankündigung – unsere nächste Nummer erscheint im Frühjahr 2003.


Wir wünschen ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das kommende Jahr.


Ota Konrád und Blahoslav Hruška