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Jiøí Pešek

Der Autor (geb. 1954) ist Direktor des Institutes für Internationale Studien und Leiter des Lehrstuhles der Deutschen und österreichischen Studien der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Karlsuniversität

Zwangsmigrationen von Tschechen und Deutschen 1938-1949 in der tschechischen Geschichtswissenschaft seit 1989

Eigentlich ist es schwierig, in unserem Zusammenhang nur über die tschechische Geschichtswissenschaft zu sprechen. Von Anfang an, also gleich nach der Wende, haben sich nämlich die deutschen Historiker an der Gestaltung der neuen Betrachtungsweise der böhmisch-tschechoslowakisch-tschechischen Zeitgeschichte beteiligt. Die schon älteren Freundschafts- und Arbeitsbeziehungen von Jan Køen, Václav Kural, Vilém Preèan oder Bedøich Loewenstein zu deutschen Historikern dienten plötzlich als Basis für die Gründung eines ganz neuen Paradigmas der gemeinsam erforschten und diskutierten Historiographie des 20. Jahrhunderts: Die bereits 1990 gegründete Deutsch-Tschechische Historikerkommission erhielt von den Außenministerien beider Länder den Auftrag, diejenigen Geschichtsmythen und Stereotypen aus der Epoche des Kalten Krieges, die eine reibungslose Kommunikation zwischen den beiden Nationen hemmen, durch Analysen, komparative Forschungen und gemeinsame Interpretationsarbeit zu beseitigen.[1]

Mehr oder weniger rasch begannen auch weitere, regionale oder Fachbereichsinitiativen mit der gemeinsamen deutsch-tschechischen Aufarbeitung der noch präsenten Vergangenheit. Es ist klar, daß dabei bei den verschiedenen Gruppierungen auch unterschiedliche Sichtweisen zu Tage traten: die durch die Sudetendeutsche Landsmannschaft beeinflußten Historiker, Politologen oder Journalisten sahen die Lichter und Schatten der Geschichte der Jahre 1918 bis 1948 ganz anders verteilt (sofern sie sie überhaupt erwähnten) als die Forscher aus dem Umkreis der Historiker-Kommission oder des Collegium Carolinum. Mit der Ausnahme der streng nationalen postkommunistischen Aktivisten aus dem Milieu des Clubs des böhmischen Grenzgebietes haben aber praktisch alle Wissenschaftler oder auch Laien , die sich mit der deutsch-tschechischen Geschichte und also mehr oder weniger auch mit der Problematik der Zwangsmigration beschäftigen, eigene Ansichten und Interpretationen in einem Dialog mit der jeweils anderen Seite formuliert und entwickelt.[2] Schon das ist eine deutlich eine deutlich gegenläufige Entwicklung zu früheren Jahren, als die meisten Autoren ihre Studien nur irgendwie in die taubstumme Stille auf der anderen Seite des rostigen Vorhangs geworfen haben, ohne eine Antwort erwarten zu können. Es streiten jetzt eher politisch verschieden orientierte, bilaterale Interessengruppen miteinander als irgendwelche “nationalen Teams”.

Es ist aber notwendig, mit der Auslegung des Themas chronologisch zu beginnen: Die ganze Problematik der Vor- und Nachkriegsflucht, der Vertreibung, des Transfers bzw. des Komplexes der Zwangsmigrationen der späten 30er und der 40er Jahren gehörte in den politisch "normalisierten" 70er und 80er Jahren zu den offiziell unerwünschten Forschungs- und Publikationsfeldern in der sozialistischen Tschechoslowakei. Diese Fast-Tabuisierung galt dabei für die Zwangsmigrationen des Jahres 1938/39 sowie auch und besonders für diejenigen der Nachkriegszeit. Das heißt zwar nicht, daß man bis zum Jahre 1989 absolut nichts auf diesem Felde unternehmen konnte. Die – besonders gegen Ende dieser traurigen Epoche unternommenen – Forschungen waren aber eher vereinzelt und wurden praktisch erst an der Schwelle zum neuen Regime publiziert. Ich spreche hier z.B. über einige Seiten des Buches von Josef Bartoš über “Das besetzte Grenzgebiet und seine tschechische Einwohnerschaft 1938-1945”, auf denen die Schicksale der tschechischen Vertriebenen von 1938 erwähnt wurden, weiter z.B. über die Studie von Jiøí Lukas über die “Abschiebung der Deutschen aus Prag im Jahre 1946” und eigentlich auch über das grundsätzliche synthetische Buch über die Nachkriegsjahre von Tomáš Stanìk über die “Abschiebung der Deutschen aus der Tschechoslowakei”, das im Jahre 1991 in die Hände der Leser geriet, das aber als eine Dissertation schon einige Jahre vor der Wende zu entstehen begann.[3]

Es gab allerdings auch eine andere, sehr wichtige Gruppe von Texten, die schon in den 80er Jahren der Problematik der Nachkriegszwangsmigrationen gewidmet wurde: die Diskussionsbeiträge der tschechoslowakischen Dissidenten, welche in Samizdatform in den illegalen Historischen Studien erschienen sind. Diese Diskussion wurde durch die Ján Danubius- Mlynárik-Thesen entzündet und provozierte dann eine Reihe von Studien seitens der mit einem Arbeitsverbot belegten Historiker und Politologen. Die breitere tschechische Öffentlichkeit wurde aber erst nach der Wende mit diesen Diskussionen vertraut gemacht, die das bis dahin tradierte Schema der Nachkriegsvertreibungen als einer gerechten Vergeltung aller Verbrechen der kollektiv schuldigen Deutschen durch kritische Konzepte zu ersetzen begannen. Einen Beitrag dazu leistete das im Jahre 1990 erschienene Buch “Tschechen, Deutsche, Abschiebung. Eine Diskussion der unabhängigen Historiker.[4] Seine Herausgeber waren Bohumil Èerný, Jan Køen, Václav Kural und Milan Otáhal, also die Protagonisten der ganzen Diskussion, zu der aber – direkt oder indirekt – auch Nichthistoriker wie Petr Pithart oder Petr Pøíhoda mit eigenen Ansichten beigetragen haben.[5]

Als den Hauptertrag der dissidentischen Diskussion kann man in dieser Zeit eine Veränderung des politischen Paradigmas unter den dissidentischen politischen Repräsentanten verbuchen, unter einer Gruppe also, welche die Leitung der Schicksale des Landes nach dem November 1989 übernommen hat. Die Entschuldigung für die Gewalttaten bei der Vertreibung der Deutschen im Jahre 1945, die Václav Havel Anfang Dezember 1989 noch vor seiner Wahl zum Präsidenten der Republik ausgesprochen hat, wäre ohne dieser Diskussion kaum möglich gewesen. Sie hat auch die dissidentischen Vorstellungen über die Notwendigkeit der Wiedervereinigung Deutschlands als einer endgültigen Überwindung der Nachkriegsteilung (Jiøí Dienstbier) geprägt.[6]

Es muß allerdings gleich dazu gesagt werden, daß die breite tschechoslowakische bzw. tschechische Öffentlichkeit damals, also Anfang der 90er Jahre, für diese Betrachtungsweise noch nicht bereit war und darum auch sehr zurückhaltend bis ärgerlich reagierte. Die bisherigen Diskursbeiträge sahen – wie gesagt – die ganze Odsun-Problematik, also die Vertreibung und den Transfer der deutschen und teilweise magyarischen Minderheit, als eine harte, aber gerechte Vergeltungsmaßnahme für die Zerschlagung der Ersten Tschechoslowakischen Republik, für die Vertreibung eines großen Teiles der tschechischen Einwohnerschaft aus dem Grenzgebiet 1938, für die Verbrechen des nationalsozialistischen Besatzungsregimes und für die willige, bis zum bitteren Ende ungebrochene Zusammenarbeit der absoluten Mehrheit der deutschen und magyarischen Minderheit mit dem Hitler- und Horthy-Regime. Eine geschichtliche Vernetzung der mitteleuropäischen oder gar gesamteuropäischen Zwangsmigrationen der Jahre 1938-1950 lag unmittelbar nach 1989 nicht in der Macht der meisten (nicht nur) tschechischen Historiker.

Es spielten nämlich die Stereotypen aus der Zeit des Kalten Krieges von (sudeten)deutscher Seite eine große Rolle. Das galt vor allem für die Opferzahlen der Vertreibung. Es wurden wiederholt Angaben über 225 000 bis 250 000 nach dem Kriege ermordete Sudetendeutsche gemacht. Die durch die deutsch-tschechische Kommission initiierten Untersuchungen haben festgestellt, daß in der Phase der Vertreibung etwa 6 000 Menschen umgebracht wurden, weitere etwa 5 500 Menschen im Mai und Juni Selbstmord verübten und mindestens 18 000, vielleicht bis doppelt so viele, Menschen in den Lagern aus allen möglichen Ursachen ums Leben kamen.[7]

Ich erwähne hier diese Zahlen, obwohl ich als ehemaliger Archivar solche Statistiken, die sich in diesem Fall fast nur mit den Sudetendeutschen und kaum mit den Massen der reichsdeutschen Flüchtlinge und den in den böhmischen Ländern neu ansässigen Reichsdeutschen beschäftigen, eher skeptisch betrachte. Das Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit waren eine in der Migrationsperspektive unglaublich chaotische und dynamische Zeit, die durch keinen Vergleich der Vorkriegs- und Nachkriegsstatistiken zu erfassen ist. Die Feststellung, daß im Frühsommer 1945 "nur" 30 000 bis 45 000 Sudetendeutsche ums Leben gekommen sind, weckte allerdings Entsetzen auf Seiten der Berufssudetendeutschen – als ob dadurch die Tragödie relativiert worden wäre.

Die deutsch-tschechische – weh tuende – Problematik wurde in kürzester Zeit zu einem der am lebhaftesten erforschten geschichtlichen Themen der sich neu gestaltenden tschechischen bzw. tschechisch-deutschen Historiographie. Es dauerte aber einige Jahre, bis die ersten neuen Erträge der Quellenforschung und der internationalen Literaturrecherchen und Diskussionen öffentlich präsentiert werden konnten. Man muß daran erinnern, daß bis zum Jahre 1992 die tschechischen Archive eine Sperrfrist von 50 Jahren hatten, die erst durch eine Archivgesetznovelle auf 30 Jahre verkürzt wurde. Gleich nach der Wende konnte man also Archivalien nur bis zum Jahre 1940 erforschen. Bis zu dieser Zeit (zufälligerweise praktisch bis zum deutsch-tschechoslowakischen Abkommen von 1992) konnte man also nur unter Ausnahmebedingungen Quellen aus den Jahren 1945-1950 untersuchen. Es dauerte auch etliche Zeit, bis die bisher wichtigste ausländische – vor allem deutsche – Literatur zu diesem Thema zugänglich gemacht wurde und in Tschechien gelesen werden konnte. Die tschechischen Archive erlebten daneben gerade in diesen Jahren eine ohne Übertreibung gigantische Welle von Umbauten, Umzügen und auch eine ungeheuere Arbeitshektik im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Unterlagen für Rehabilitierungen und Reprivatisierungen.

Schon in der ersten Hälfte der 90er Jahre erschien aber die erste Serie der tschechischen regionalen Quellenstudien zur Vertreibungsproblematik (Zdenìk Radvanovský, Vojtìch Žampach, Josef Bieberle, Jana Hradilova, Jiøí Hrazdíra, Vladimír Kaiser, František Hýbl, Marek Poloncar, Meèislav Borák usw.).[8] Gleichzeitig erschien eine Reihe von Quelleneditionen und Auswertungen des zentralen Charakters.[9] Die tschechische und deutsche Produktion dieser Jahre wurde von Jaroslav Kuèera 1994 übersichtlich bewertet (mit einem größeren Abstand dann auch von Eva Hahn in ihrem Buch “Sudetendeutsches Problem - Schwierige Verabschiedung mit der Vergangenheit” und von Tomáš Stanìk in seiner Studie von 1999).[10]

Mitte der 90er Jahre wurde dann – vor allem als Konsequenz der bayerisch-tschechischen Mißverständnisse – die Vertreibungs- und Transferproblematik zu einem wichtigen Politikum. Und gleichzeitig begann eine Fülle kritischer, die Ereignisse der Nachkriegszeit konkret und drastisch schildernder und analysierender Studien die bisherige Stimmung – zumindest im Rahmen der Historikerzunft – zu mäßigen. Eine wirkliche Entpolitisierung und Historisierung des Themas war zwar unter den Bedingungen der dauerhaften, wenig sachlichen Diskussionen der tschechischen Politik mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft fast unmöglich. Eine Reihe von Plattformen für kritische und offene Gespräche der tschechischen und der deutschen Historiker (regelmäßige Tagungen der Deutsch-Tschechischen Historiker-Kommission, eine Reihe von deutsch-tschechischen Iglau-Treffen und jedes Jahr eine Handvoll von Ad-hoc-Veranstaltungen in den Regionen) trug aber zu der Erkenntnis bei, daß die oft unangenehmen Argumente und Betrachtungsweisen der anderssprachigen Partner nicht abzulehnen sind, sondern vielmehr Anlaß für eine kritische und sachliche Auseinandersetzung mit den Gegenargumenten sein können. Eine große Aufklärungsrolle spielte gleichzeitig auch die Belletristik sowie eine umfangreiche deutsch-böhmische und jüdische Memoiren-Literatur über die Kriegs- und Nachkriegszeit, die insbesondere die Stimmung der gebildeten Gesellschaftsschichten deutlich beeinflußte.

Eine – vielleicht kann man sagen qualitative und gleichzeitig quantitative – Wende in der historiographischen Produktion zu diesem breit angelegten Thema wurde dann ab Mitte der 90er Jahre deutlich. 1995 erschien eine Monographie von Milan Skøivánek über die Vertreibung der Deutschen aus dem Zwittauer Gebiet.[11] Vor allem sind aber zwei wichtige Bücher von Tomáš Stanìk aus dem Jahre 1996 zu nennen: “Verfolgung 1945. Die Stellung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien” und “Die Lager in den böhmischen Länder 1945-1948)”.[12] Diesen zwei fundamentalen Büchern, welche die Bedingungen, Vorbereitung und Durchführungsbedingungen der Zwangsmigrationen untersuchen, folgte eine Flut von Publikationen und kleineren Quellenstudien von Stanìk, Borák, Janák und weiteren mährischen und schlesischen Forschern zu diesen Thema.[13]

Der Weg zur deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 wurde u.a. durch eine knappe Übersicht der schwierigen Momente in den deutsch-tschechischen Beziehungen vorbereitet, welche die Deutsch-Tschechische Historikerkommission als eine Basis des minimalen Konsenses unter dem Titel “Konfliktgemeinschaft, Katastrophe, Verlockerung” im Jahre 1996 herausgegeben hat.[14]

Die Erklärung von 1997, vor allem durch Antje Vollmer, Václav Havel und Roman Herzog vorbereitet und politisch durchgesetzt, von den beiden damaligen Regierungschefs eher mit Zähneknirschen akzeptiert, mit einer faszinierenden Zustimmung im Deutschen Bundestag und letztendlich mit einer guten Mehrheit im tschechischen Parlament angenommen, war ein Meilenstein auf dem Wege der gemeinsamen Aufarbeitung der gemeinsamen, schmerzhaften Vergangenheit. Die Politiker tun seit dieser Zeit alles, um diese Erklärung zu verwerfen oder noch lieber zu vergessen. Sie bleibt aber trotzdem sehr wichtig – u.a. weil aus dem damals gegründeten Zukunftsfonds auch zahlreiche wertvolle geschichtswissenschaftliche Veranstaltungen und Publikationen finanziell unterstützt werden konnten.

Es folgte schon kurz nach der deutsch-tschechischen Erklärung eine Tagung der Deutsch-Tschechischen und der Deutsch-Slowakischen Historikerkommissionen in Bratislava 1997, wo eine "Inventur" der breiteren mitteleuropäischen Vertreibungs- und Zwangsmigrationsforschung gemacht wurde. Den Tagungsband, der 1999 unter dem Titel “Erzwungene Trennung. Vertreibungen und Aussiedlungen in und aus der Tschechoslowakei 1938-1947 im Vergleich mit Polen, Ungarn und Jugoslawien" erschien, kann man also als eine Zusammenfassung der ganzen Problematik betrachten.[15] Das war sicher nicht der erste Fall, dass sich die Historikerkommissionen mit diesem Thema beschäftigt haben – schon die Prager Sitzung 1992 wurde teilweise dem breiteren Kontext gewidmet. Der von Detlef Brandes und Václav Kural damals herausgegebene Tagungsband "Der Weg in die Katastrophe. Deutsch-tschechoslowakische Beziehungen 1938-1947" erschien dann 1994. Er beschäftigt sich auch mit dem Gesamtzusammenhang des Themas Vertreibung/ Aussiedlung.

Der im Jahre 1999 erschienene Band aber bietet dagegen eine fast systematische, international komparative Auswertung der inzwischen schon umfangreichen Literatur und dadurch eine Vorstufe zu einer möglichen Synthese. Allerdings fehlt eigentlich bis heute einerseits eine breitere Analyse der multidimensionalen sowjet-russischen Rolle bei den zentraleuropäischen Vertreibungen und andererseits eine vergleichende Analyse der amerikanischen und britischen Konzepte und Verhaltensweise im besetzten Deutschland der letzten Kriegsjahre und der unmittelbaren Nachkriegsjahre.

So etwas konnte bisher auch kaum in die populärwissenschaftlichen Texte für die tschechischen Leser aufgenommen werden. Der Öffentlichkeit wurde im Frühjahr 2002 in populärer Form eine Synthese unter dem Titel "Geschichte Verstehen. Die Entwicklung der deutsch-tschechischen Beziehungen auf unserem Gebiet 1848-1948" angeboten.[16] Diese Synthese für Schule und Haus konnte in Bezug auf die Problematik der Zwangsmigration neue Betrachtungsweisen präsentieren: Erstens wurde viel Konkretes über die Flucht und Vertreibung der Tschechen, Juden und Sozialdemokraten aus dem abgetrennten Sudetengebiet 1938 festgestellt. Es war das Verdienst von Peter Heumos und später, unabhängig davon von Jan Køen, daß das vergessene Kleinauflagebuch von Jaroslav Šíma, “Tschechoslowakische Übersiedler in den Jahren 1938-1945. Ein Beitrag zur Migration und Theorie der Sozialfürsorge” aus dem Jahre 1945 wiederentdeckt und bekannt gemacht wurde.[17] Jan Gebhart hatte dann diese – nach dem griechisch-türkischen Fall größte – europäische Zwangsmigrationswelle (140 000 Menschen) übersichtlich erforscht und durch einige Studien vermittelt.[18] Das konnte für die oben genannte Synthese rezipiert werden.

Zweitens und unvergleichbar intensiver wurde die deutsche und magyarische Zwangsmigration der Nachkriegszeit erforscht. Die brutale Offenheit der Schilderungen der Vertreibungsgrausamkeiten gehört inzwischen (mindestens seit der Goldhagen- und Wehrmachtsdebatte) zum standardisierten Historikerdiskurs der Zeitgeschichte. Die Quellenforschungen ermöglichten es einerseits, die bisher tradierten Opferzahlen drastisch zu minimalisieren, und sie brachten andererseits eine Konkretisierung der Nachkriegsgrausamkeiten:[19] Für meine Begriffe sind Ermordungen oder lange Internierungen von Kindern das vielleicht Schlimmste an der ganzen Nachkriegsproblematik. Das, was besonders bei Stanìk und später bei Vladimír Kaiser deutlich neu hervorgetreten ist, war die Rolle des Staates, besonders des Heeres (der tschechoslowakischen und der sowjetischen Einheiten) bei der zweckmäßigen Initiierung und Durchführung der schlimmsten Massenmorde auf tschechischem und mährischem Boden.[20]

Jüngst sind die Dekrete des Präsidenten der Republik aus der Kriegs- und Nachkriegszeit bei Journalisten und Politikern in Mode gekommen. Man sieht wieder, wie wenig sich diejenigen, die über dieses Thema öffentlich reden und schreiben, mit diesen Dokumenten vertraut gemacht haben. Vielmehr liest man anscheinend nur – nicht selten zweckmäßig gekürzte – Auszüge aus diesen Texten in der Tagespresse. Der historische Kontext – der innertschechische wie der europäische – bleibt dagegen üblicherweise unerwähnt. Die Thematik wurde zu einem Merkmal, das man heute in allen möglichen Kontexten und Richtungen politisch hochspielen kann.

Man könnte hier eine Reihe von Desideraten der tschechischen oder lieber tschechisch-deutschen und internationalen Geschichtsforschung nennen. Es fehlen bisher systematische Studien über das Schicksal der Masse "fremder" deutscher Flüchtlinge auf tschechoslowakischem Gebiet, es fehlen komparative Studien über Umstände und Entwicklung der Migrantengruppen in der Nachkriegstschechoslowakei und im besetzten Deutschland, besonders in den westlichen Besatzungszonen, es fehlen komparative Forschungen über die Lage in den "westeuropäischen Ländern". Es zeigt sich, daß eine Vernetzung nicht nur geographisch, sondern auch thematisch notwendig ist (z.B. Vertreibung und Vergeltung).[21] Man kann auch das dauerhaft fehlende Interesse der Politik und der Journalistik an den Ergebnissen der neuen kritischen Forschung beklagen. Auch die wissenschaftlich besten Arbeiten (in den besten Übersetzungen) mit einem richtigen Durchbruchpotential im Sinne einer wesentlichen Entschärfung der politischen Zusammenstöße haben, im deutschen wie im tschechischen Milieu, kaum Aussicht auf eine Rezeption in jenen Gruppierungen, die eigene politisierten Positionen aufgeben oder mäßigen müßten.[22]

Das, was andererseits am Anfang des 21. Jahrhunderts schon eindeutig positiv stabil bleibt, ist eine "Enttschechisierung" der gesamten Zwangsmigrationsproblematik. Sie ist – im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses – keineswegs mehr national: im Sinne der Forscher wie auch im Sinne der Kontexte. Es ist allerdings weiterhin (und nicht nur in Tschechien) möglich, internationale Forschungen aller Gattungen zugunsten einer nationalistischen Politik zu vergessen oder zu mißbrauchen. Die Möglichkeit des fachgeschichtlichen Schrifttums, die politische Gesellschaft aufzuklären, darf – leider– nicht überschätzt werden.

Anmerkungen:


[1] Vgl. Vorwort in: Jörg K. Hoensch/Hans Lemberg (Hgg.), Begegnung und Konflikt. Schlaglichter auf das Verhältnis von Tschechen, Slowaken und Deutschen 1815-1989, Essen 2001, S. 7-12, hier auf S. 7f. auch eine Übersicht der bisher veröffentlichten Publikationen der Kommission. Vgl. auch eine sehr nützliche Liste der Literaturhinweise, S. 305-310.

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[2] Eine Übersicht der Geschichtsliteratur zum Thema deutsch-tschechische Beziehungen bietet die vom Prager Institut für Zeitgeschichte herausgegebene Bibliographie: Vìra Bøeòová/Slavìna Rohlíková (Hgg.), Czech and Czechoslowak Historiy 1918-1999. A Bibliography of Selected Monographs, Volumes of Essays, and Articles. Published from 1990 to 1999, Prague 2000, S. 313-320.

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[3] Josef Bartoš, Okupované pohranièí a èeské obyvatelstvo 1938-1945 [Das besetzte Grenzgebiet und seine tschechische Bevölkerung], Praha 1978; Jiøí Lukas, Odsun nìmeckého obyvatelstva z Prahy 1946 [Die Abschiebung der deutschen Bevölkerung aus Prag 1946], Pražský sborník historický 23 (1990), S. 88-117; Tomáš Stanìk, Odsun Nìmcù z Èeskoslovenska 1945-1947 [Die Abschiebung der Deutschen aus der Tschechoslowakei], Praha 1991. Weitere Bibliographie in: Tomáš Stanìk, Verfolgung 1945. Die Stellung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien (außerhalb der Lager und Gefängnisse), Wien 2002, S. 238-251; ders., Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945-1948, in: Hoensch/Lemberg (Hgg.), Begegnung und Konflikt, 2001, S. 207-230 und Detlef Brandes/Edita Ivanièková/Jiøí Pešek (Hgg.), Erzwungene Trennung. Vertreibungen und Aussiedlungen in und aus der Tschechoslowakei 1938-1947 im Vergleich mit Polen, Ungarn und Jugoslawien, Essen 1999.

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[4] Bohumil Èerný/Jan Køen/Václav Kural/Milan Otáhal, Èeši, Nìmci, odsun: diskuse nezávislých historikù [Tschechen, Deutsche, Abschiebung. Eine Diskussion der unabhängigen Historiker], Praha 1990.

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[5] Vgl. z.B. Petr Pithart, Die Wandlungen der tschechischen Identität und “unsere Geschichte”, Bohemia 35 (1994), H. 2, S. 435-439; Podiven (ein gemeinsames Pseudonym für Pert Pithart/Petr Pøíhoda/Milan Otáhal), Èeši v dìjinách nové doby: pokus o zrcadlo [Die Tschechen in der Geschichte der Neuzeit: Versuch einer Reflexion], Praha 1991.

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[6] Jiøí Dienstbier, Snìní o Evropì [Die Träume über Europa], Praha 1990.

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[7] Gemeinsame Deutsch-Tschechische Historikerkommission. Pressemitteilung vom 17.12.1996. Stellungnahme der Deutsch-Tschechischen Historikerkommission zu den Vertreibungsverlusten, in: Hoensch/Lemberg (Hgg.), Begegnung und Konflikt, 2001, S. 245-247 und Jaroslav Kuèera, Statistische Berechnungen der Vertreibungsverluste – Schlußwort oder Sackgasse?, in: Ebd., S. 231-244, wo die ganze bisherige Literatur zusammengefaßt wurde.

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[8] Tomáš Stanìk, 1945 – Das Jahr der Verfolgung. Zur Problematik der außergerichtlichen Nachkriegsverfolgungen in den böhmischen Ländern, in: Brandes/Ivanièková/Pešek (Hgg.), Erzwungene Trennung, 1999, S. 123-152, hier S. 125.

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[9] V.a.: Jitka Vondrová, Die Tschechen und die sudetendeutsche Frage. Dokumente, 1994; Dobroslav Matejka (Hg.), Rechtliche Aspekte des Abschubes der Sudetendeutschen, 1995; Karel Jech/Karel Kaplan (Hgg.), Die Dekrete des Präsidenten der Republik 1945-1946, 1995.

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[10] Eva Hahn, Sudetonìmecký problém. Obtížné louèení s minulostí [Sudetendeutsches Problem - Schwierige Verabschiedung mit der Vergangenheit], 1996; Stanìk, 1945 - Das Jahr der Verfolgung, in: Brandes/Ivanièková/Pešek (Hgg.), Erzwungene Trennung, 1999.

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[11] Milan Skøivánek, Odsun Nìmcù ze Svitavska [Vertreibung der Deutschen aus dem Gebiet Zwittau], Hradec Králové 1995; siehe auch Studie: Ders., K tzv. lidovému soudu v Lanškrounì v kvìtnu 1945 a jeho dozvuku poèátkem padesátých let [Zum sogenannten Volksgericht in Lanskron im Mai 1945 und seinem Nachspiel am Anfang der Fünfziger Jahre], Pomezí Èech a Moravy 2 (1998), S. 133-154.

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[12] Stanìk, 1945 - Das Jahr der Verfolgung, in: Brandes/Ivanièková/Pešek (Hgg.), Erzwungene Trennung, 1999; ders., Tábory v èeských zemích 1945-1948 [Die Lager in den böhmischen Länder 1945-1948], Opava 1996.

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[13] Dušan Janák, Èinnost mimoøádného lidového soudu Opava v letech 1945-1948 [Die Tätigkeit des Außerordentlichen Volksgerichtshofes Troppau in den Jahren 1945-1948], in: Èasopis Slezského zemského muzea 43 (1994), S. 245-283; Meèislav Borák, Èinnost mimoøádného lidového soudu Moravská Ostrava v letech 1945-1948 [Die Tätigkeit des Außerordentlichen Volksgerichtshofes Mährisch-Ostrau in den Jahren 1945-1948], in: Èasopis Slezského zemského muzea 44 (1995), S. 64-90; Ders., Spravedlnost podle dekretu. Retribuèní soudnictví v ÈSR a Mimoøádný lidový soud v Ostravì 1945-1948 [Gerechtigkeit auf Dekretbasis. Das Retributionsgerichtswesen in der Tschechoslowakei und der Außerordentliche Volksgerichtshof in Ostrau 1945-1948], Ostrava 1998.

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[14] Konfliktgemeinschaft, Katastrophe, Entspannung. Skizze einer Darstellung der deutsch-tschechischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert/ Konfliktní spoleèenství, katastrofa, uvolnìní. Náèrt výkladu nìmecko èeských dìjin od 19. století, München 1996.

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[15] Brandes/Ivanièková/Pešek (Hgg.), Erzwungene Trennung, Essen 1999.

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[16] Zdenìk Beneš/Koll., Rozumìt dìjinám. Vývoj èesko-nìmeckých vztahù na našem území vletech 1848-1948, Praha 2002.

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[17] Jaroslav Šíma, Èeskoslovenští pøestìhovalci v letech 1938-1945. Pøíspìvek k sociologii migrace a theorii sociální péèe [Tschechoslowakische Übersiedler in den Jahren 1938-1945. Ein Beitrag zur Migration und Theorie der Sozialfürsorge], Praha 1945; Peter Heumos, Flüchtlingslager, Hilfsorganisationen, Juden im Niemandsland. Zur Flüchtlings- und Emigrationsproblematik in der Tschechoslowakei im Herbst 1938, in: Bohemia 25 (1984), H. 2, S. 245-275.

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[18] Jan Gebhart, Migrace èeského obyvatelstva v letech 1938-1939 [Migration der tschechischen Bevölkerung in den Jahren 1938-1939], Èeský èasopis historický 96 (1998), S. 561-573.

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[19] Rüdiger Overmans, Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, München 1999 (=Beiträge zur Militärgeschichte Bd. 46).

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[20] Vladimír Kaiser, Das Kriegsende und die Vertreibung der Deutschen aus dem Aussiger Gebiet, in: Brandes/ Ivanièková/Pešek, Erzwungene Trennung, 1999, S. 201-218.

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[21] Benjamin Frommer, To Prosecute or to Expel? Czechoslowak Retribution and the "Transfer" of Sudeten Germans, in: Philipp Ther/Ana Siljak (Hgg.), Redrawing Nations. Ethnic Cleansing in East-Central Europe 1944-1948, Lanham - Boulder - New York - Oxford 2001, S. 221-240.

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[22] Das ist das Schicksal des hervorragenden, auf einer außerordentlich breiten Quellenbasis geschriebenen Buches von Detlef Brandes, Der Weg zur Vertreibung 1938-1945. Pläne und Entscheidungen zum ‚Transfer‘ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen, München 2001.

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