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Lucie Pánková


Die Authorin (geb. 1981) ist Studentin der deutschen und österreichischen Studien der Karsluniversität Prag.


Europa zwischen 1938-1950 aus der Perspektive der Zwangsmigrationen


Das internationale Colloquium "Zwangsmigrationen in Europa 1938-1950", das vom 25. bis zum 28. September in Prag stattfand, wurde vom Mainzer Institut für europäische Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Institut für internationale Studien der Fakultät für Sozialwissenschaften der Karlsuniversität und dem Archiv der Hauptstadt Prag veranstaltet. Die letztgenannte Institution stellte die repräsentativen Räumlichkeiten des Clam-Gallas Palais zur Verfügung. Da das Archiv die technischen Auswirkungen der Flutwelle vom August immer noch nicht ganz überwunden hatte, war eine problemlose Tagung keineswegs selbstverständlich.

Die mehr als zwanzig halbstündigen Beiträge, die von Referenten aus zehn vor allem mittel- und südosteuropäischen Länder gehalten wurden, wurden in zwei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Block - "Konzepte von Zwangsmigration als Instrument internationaler und nationaler Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" - beschäftigten sich die Referate hauptsächlich mit den Ursachen und Zusammenhängen von Zwangsmigration und weniger mit den Details der konkreten Zwischenfälle in den Jahren 1938-1950. Detlef Brandes (Düsseldorf) bot einen Rückblick auf das letzte, durch zwei Weltkriegen gekennzeichnete Jahrhundert aus der Perspektive der Zwangsumsiedlungen. Dabei erwähnte er nicht nur die mit dem Rahmen des Colloquiums verbundenen Themen (d.h. den Transfer der sog. Volksdeutschen während des Dritten Reiches, Vertreibung und Transfer der Deutschen nach dem Krieg und Stalins brutale "Roschade" mit den Kaukasusnationen), sondern auch den Präzedenzfall des Bürgeraustausches zwischen Griechenland und der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg und die "ethnischen Säuberungen" auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien in den 90er Jahren. Mit der Rolle der Bevölkerungstransfers in der Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich auch Marina Cattaruzza (Bern).

Die nächsten Referate zeigten deutlich, dass bei der Untersuchung der Zwangsmigrationen die Minderheitenproblematik nicht zu umgehen ist. Im Beitrag von Hans Lemberg (Marburg) wurde die Frage angesprochen, ob es berechtigt ist, diese Bevölkerungsgruppen tatsächlich für die Konfliktursachen zu halten. Hans Lemberg machte darauf aufmerksam, wie sich sowohl das objektive als auch das subjektive Verständnis des Begriffs der Minderheit im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts verändert haben. Jost Dülffer (Köln) konzentrierte sich auf die Entstehung des Friedenssystems von Versailles und das damit verbundene Selbstbestimmungsrecht im Rahmen der internationalen Beziehungen. An diesen Beitrag knüpfte Ferenc Eiler (Budapest) an, der sich in seinem Referat mit dem Minderheitenschutz im Rahmen der UN beschäftigte bzw. mit den begrenzten Möglichkeiten, dieses Ziel durchzusetzen. Anschließend zeigte Piotr Madajczyk (Warschau) am Beispiel Polen zwischen 1918 und 1945 Probleme auf, die durch das Zusammenleben mehrerer Nationen in einem Staat entstanden sind.

Die Referate, die im zweiten, einfach "Zwangsmigrationen in Europa 1938-1950" benannten Block vorgetragen wurden, beschäftigten sich entweder mit der Zwangsmigration aus der Sicht einer bestimmten Nation bzw. eines Territoriums oder analysierten die späteren Interpretationen der Historikerzunft. Gustavo Corti (Trident), der sich dem Transport der Juden in die osteuropäischen Ghettos widmete, machte angesichts des Thema des Colloquiums den Versuch, diese Transporte als ein Beispiel für eine Zwangsmigration zu deuten. Auch die sog. Volksdeutschen blieben nicht außen vor - über ihren doppelten Zwangstransfer referierte im breiteren Kontext Wolfgang Benz (Berlin). Einen Blick auf die Bevölkerungspolitik des Dritten Reiches aus ungewöhnlicher Perspektive bot Isabel Heinemann (Freiburg) an, die sich auf die Rolle der Rassenexperten der SS konzentrierte.

Gleich mehrere Referenten haben auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass Bevölkerungstransfers auch im südosteuropäischen Gebiet stattfanden. Einen Überblick leistete Milan Ristoviæ (Belgrad) mit seinem Beitrag über die Zwangsmigrationen auf jugoslawischem und griechischem Territorium in den Jahren 1941, 1945 und 1950. Im Anschluss schilderte Božo Repe (Leibach) detailliert die Migration der Slowenen, Deutschen und Italiener in Folge der veränderten politischen Lage während des Zweiten Weltkrieges und danach. Milo Bjelejac (Belgrad) machte die ethnischen Albaner im Kosovo zum Thema seines Beitrags. Dem Stand der Dinge in der Vojvodina widmete sich Zoran Janjetoviæ (Belgrad), der die Vertreibung der Ungarn und Deutschen aus diesem Gebiet zwischen 1944-1945 verglich. Siebenbürgen, ein weiteres durch Grenzänderungen und nationale Probleme gekennzeichnetes Gebiet, wurde durch Ottmár Traºcã (Cluj-Napoca) vorgestellt. Pavel Poljan (Moskau - Köln) ergänzte die Problematik der Zwangsmigrationen in Südosteuropa durch sein Referat über die Deportationen der deutschen Zivilisten aus Rumänien in die UdSSR nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Rückkehr Europas zum Frieden brachte weitere unfreiwillige Bevölkerungstransfers mit sich. Jerzy Kochanowski (Warschau) skizzierte in seinem Beitrag "Repatrianten oder Expatrianten?" wie mühsam sich die zwischen 1944 und 1946 aus dem Gebiet des ehemaligen Ostpolens umgesiedelten polnischen Bürger in die damalige Gesellschaft eingliederten. Mit der Migration des Restes der deutschen Bevölkerung aus Polen nach 1947 beschäftigte sich auch Tomáš Dvoøák (Brno).

Milan Olejník (Košice) und Ágnes Tóth (Kecskemét) widmeten sich einem heutzutage häufig diskutierten Thema - dem Transfer der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa nach dem Krieg. Olejník skizzierte das Schicksal der deutschen Bevölkerung in der Slowakei nach dem Krieg, wobei er unterschiedliche Aspekte im Vergleich zu den tschechischen Gebieten erwähnte. Die ungarische Forscherin erklärte das Transferthema aus der Perspektive der damaligen ungarischen Politiker und im Licht der zeitgenössischen Debatten über das Prinzip der Kollektivschuld. Jochen Oltmer (Osnabrück) widmete sich dem Einfluss der Zwangsmigrationen auf das Verhältnis zwischen Deutschland und dem restlichen Europa und betonte, man müsse die Bevölkerungstransfers nicht nur aus der Perspektive der Aussiedlung aus dem Heimatland, sondern auch hinsichtlich der Integration der Vertriebenen in das Aufnahmeland betrachten.

Ein wichtiger Bestandteil dieser internationalen Tagung waren Beiträge über den Stand der Geschichtsforschung in den verschiedenen Ländern und konkret über ihre Ansätze hinsichtlich der Problematik der Zwangsmigrationen. W³odzimierz Borodziej (Warschau) berichtete über die Situation dieses Themas in der polnischen und deutschen Historiographie nach 1989, Jiøí Pešek (Prag) analysierte die Ansätze der tschechischen Geschichsforschung zum Thema Vertreibung und Transfer in den 90er Jahren und Mathias Beer (Tübingen) hielt sein Referat über die Zwangsumsiedlungen als Thema der westeuropäischen und amerikanischen Geschichtswissenschaft unter Bezugnahme auf seine Forschung zur Entstehungsgeschichte der "Dokumentation der Vertreibung".

In dem viertägigen Programm wurde mit zwei Abendveranstaltungen auch an die breitere Öffentlichkeit gedacht. Am ersten Abend hielt Philipp Ther (Berlin) seinen Vortrag über das Verhältnis zwischen der Entstehung der Konzeption des Nationalstaates und den "ethnischen Säuberungen". Noch davor fand aber die Präsentation der tschechischen Ausgabe des Buches "Cesta k odsunu 1938-1945" (Verlag Prostor) von Detlef Brandes statt. Am zweiten Abend wurde eine Podiumsdiskussion (Benz, Borodziej, Cattaruzza, Kocian, Lemberg, Pešek) im Goethe-Institut veranstaltet, die sich mit der Zwangsaussiedlung zwischen 1938 und 1950 unter Bezug auf die methodischen, interpretativen, politischen und moralischen Probleme der internationalen Geschichtsforschung auseinandersetzte.

Das Prager Colloquium kann wohl als erfolgreich bezeichnet werden - und zwar aus mehreren Gründen. Die Tagung brachte im breiten internationalen Vergleich eine ganze Reihe von neuen faktographischen Tatsachen hervor, die bald in einem vom Mainzer Institut für europäische Geschichte herausgegebenen Band auch für andere Forscher zugänglich sein sollen. In den Diskussionen zeigte sich, dass man verantwortlich auch die Themen aufarbeiten sollte, bei denen noch keine grundsätzlichen und beglaubigten faktographischen Daten zur Verfügung kann. Ein Teil dieser Informationen taucht in sich rasch öffnenden Archiven auf, einen Teil wird man aber wahrscheinlich nie erfahren können (vor allem die Angaben zu den Opfern oder den durch Transfer und Bevölkerungsaustausch betroffenen Personen in den verschiedenen Teilen Europas). Wieder wurde dabei bestätigt, dass diese Problematik ein europäisches Ausmaß hat. Aus dieser Tatsache ergibt sich die Notwendigket einer Forschung in breiteren territorialen und zeitlichen Zusammenhängen und eine Bewertung im gesamteuropäischen Vergleichsrahmen.

 

Internationales Kolloquium

Zwangsmigrationen in Europa 1938 – 1950

Prag, vom 25. bis 28. September 2002

Veranstaltet vom Institut für Europäische Geschichte Mainz in Verbindung mit dem Institut für internationale Studien der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Karls-Universität Prag und dem Archiv der Hauptstadt Prag

 

 

Erster Teil

Konzepte von Zwangsmigration als Instrument internationaler und nationaler Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Das Jahrhundert der “ethnischen Säuberungen”. Zwangsumsiedlung in Europa im 20. Jahrhundert, Prof. Dr. Detlef Brandes, Universität Düsseldorf

Der Ort der Vertreibungen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, Prof. Dr. Marina Cattaruzza, Universität Bern

Selbstbestimmung, Wirtschaftsinteressen und Großmachtpolitik. Die Basis der Friedensregelung nach dem Ersten Weltkrieg, Prof. Dr. Jost Dülffer, Universität Köln

Die Grenzen eines wirksamen Minderheitenschutzes im Rahmen des Völkerbundes, Dr. Ferenc Eiler, Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest

Minderheiten als Konfliktursache?, Prof. Dr. Hans Lemberg, Marburg

Polnische Nation 1918 – 1945. Ansätze auf dem Weg zur Zwangsmigration, Dr. Piotr Madajczyk, Polnische Akademie der Wissenschaften, Warschau

 

 

Zweiter Teil

Zwangsmigrationen in Europa 1938 – 1950

Zwangsmigrationen vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg: Deutschland und Europa, Priv.-Doz. Dr. Jochen Oltmer, Universität Osnabrück

Zwangsmigrationen 1939 – 1950 in der Geschichtswissenschaft Polens und Deutschlands seit 1989, Prof. Dr. W³odzimierz Borodziej, Universität Warschau

Zwangsmigrationen von Tschechen und Deutschen 1938 – 1949 in der tschechischen Geschichtswissenschaft seit 1989, Prof. Dr. Jiøí Pešek, Karls-Universität Prag

Zwangsumsiedlungen als Problem der westeuropäischen und amerikanischen Historiographie des 20. Jahrhundert, Dr. Mathias Beer, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen

Die Rasseexperten der SS und die “bevölkerungspolitische Neuordnung” Europas: Umvolkungspläne, Rassenauslese, Zwangsumsiedlungen, Dr. Isabel Heinemann, Universität Freiburg

Ghettoisierung und Zwangsvertreibung der Juden in Osteuropa 1939 – 1944, Prof. Dr. Gustavo Corni, Universität Trient

Zweifache Opfer nationbalsozialistischer Bevölkerungspolitik: Die Zwangsmigration von Volksdeutschen, Prof. Dr. Wolfgang Benz, Technische Universität Berlin

Rumänien, Ungarn und die Minderheitenfrage in Siebenbürgen 1940 - 1944, Ottmár Traºcã, Universität Cluj-Napoca

The Expulsion of Ethnic Germans out of Slovakia after World War II, Dr. Milan Olejník, Slowakische Akademie der Wissenschaften, Košice

Zwangsmigrationen im jugoslawischen und im griechischen Raum 1941 – 1945 – 1950, Prof. Dr. Milan Ristoviæ, Universität Belgrad

Migrations and Deportations of Slovenians, Germans and Italians during the Second World War and after the War, Prof. Dr. Božo Repe, Universität Ljubljana

Ethnic Albanians – Migrations in the Kosovo Region 1938 – 1950, Dr. Mile Bjelajac, Universität Belgrad

Repatrianten oder Expatrianten? Die Umsiedlung polnischer Bürger aus dem ehemaligen Ostgebieten der Republik Polen 1944 – 1946, Dr. Jerzy Kochanowski, Deutsches Historisches Institut Warschau

Die Maxime von der Kollektivschuld und die Bestrafung der deutschen Minderheit in Ungarn 1945/46, Dr. Ágnes Tóth, Komitatsarchiv Kecskemét

Die Vertreibungen deutscher und ungarischer Bevölkerung aus der Vojvodina am Ausgang des Zweiten Weltkrieges, Zoran Janjetoviæ, Universität Belgrad

Zwangsmigrationen in der Tschechoslowakei und Polen nach 1947, Tomáš Dvoøák, Universität Brünn

Reparation durch Arbeitskräfte. Die Deportation deutscher Zivilisten aus Ost- und Südosteuropa in die Sowjetunion und ihre Repatriierung 1944 – 1954, Dr. Pavel Poljan, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

 

Im Rahmen des Kolloquiums fand auch ein öffentlicher Abendvortrag Die dunkle Seite der Nationsbildung und des Nationalstaats. Ursachen “ethnischer Säuberungen” im 20. Jahrhundert (Dr. Philipp Ther, Freie Universität Berlin) und die öffentliche Podiumsdiskussion Zwangsaussiedlung und Vertreibung in Europa 1938 – 1950 als Problem der internationalen Geschichstwissenschaf” unter Leitung von Prof. Dr. Jiøí Pešek (Prag) statt. An der Podiumsdiskussion diskutierten die Professoren: Dr. Wolfgang Benz (Berlin), Dr.W³odzimierz Borodziej (Warschau), Dr. Marina Cattaruzza (Bern), Dr. Jiøí Kocian (Prag) und Dr. Hans Lemberg (Marburg)

 

Weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer


Dr. Dieter Bingen, Deutsches Polen Institut Darmstadt

Prof. Dr. Heinz Duchhardt, Institut für Europäische Geschichte Mainz

Prof. Dr. Gernot Heiss, Universität Wien

Nicole Hirschler, Institut für Europäische Geschichte Mainz

Doz. Dr. Václav Ledvinka, Archiv der Hauptstadt Prag

Dr. Ralph Melville, Institut für Europäische Geschichte Mainz

Ségolène Plyer, Institut für Europäische Geschichte Mainz

Dr. Vilém Preèan, Abteilung für Zeitgeschichte, Tschechische Akademie der Wissenschaften, Prag

Dr. Hans-Werner Rautenberg, Herder-Institut Marburg

Dr. Claus Scharf, Institut für Europäische Geschichte Mainz

Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Berlin

Dr. Spyridon Sfetas, Institute for Balkan Studie, Thessaloniki

Prof. Dr. Arnold Suppan, Universität Wien