Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

auf Ihrem Bildschirm lesen Sie jetzt die ersten Zeilen eines neuen E-Journals, das zeitgeschichtlichen Themen der Kultur und Politik des deutschsprachigen Raumes gewidmet ist. Cui bono? Zu der Idee, ein fachwissenschaftliches Journal über das Zeitgeschehen im deutschen und österreichischen Raum im Internet zu veröffentlichen, brachte und zweierlei. Erstens ist es der Mangel an periodischen Publikationen solcher Art in Tschechien, denn die jetzigen Erscheinungen konzentrieren sich vor allem auf bilaterale Beziehungen. Ein von tschechischen Fachleuten und WissenschaftlerInnen herausgegebenes Periodikum zu zeitgeschichtlichen Themen der Kultur und Geschichte Deutschlands (bzw. Österreichs), bleibt immer noch ein Desideratum.


Zweitens sind es die Unzulänglichkeiten, die eine Publikation in gedruckter Form in sich birgt. Unser Ziel war es, die Ergebnisse der Lehre und Forschung junger FachwisseschaftlerInnen einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. In unserem Journal finden Sie zwei Rubriken. In der ersten sind vor allem Fallstudien veröffentlicht, die zweite befasst sich in kürzeren Beiträgen mit dem Stand der deutschen und österreichischen Forschung. Zu diesem Abschnitt gehören auch Sammelrezensionen und -besprechungen.


Der Haupteil der ersten Ausgabe der SGA wird mit einem Beitrag von Volker Zimmermann eröffnet. Auf seinen Forschungen zum Thema "Sudetendeutsche im NS-Staat" aufbauend, verfolgt Zimmermann die Ursprünge der "großen Katastrophe" in dem langen deutsch-tschechischen Zusammenleben, die in die Zerschlagung der ersten Tschechoslowakischen Republik und in die Vertreibung der Deutschen nach 1945 mündeten.


Zimmermanns Beitrag wird durch die Studie von Francis D. Raška ergänzt. Raška befasst sich mit dem wenig bekannten Thema der tschechischen Flüchtlingslager nach der Besatzung des Grenzgebietes 1938 und benutzt dabei bisher unveröffentlichte Dokumente aus dem Nachlass von Karel Raška.


Thorsten Pomian widmet sich dem wichtigen Problem der (Dis)Kontinuitäten in den deutschen Eliten zwischen der NS-Herrschaft und der Bundesrepublik: Am Beispiel von drei hohen NS-Sportfuntkionären beschreibt er nicht nur die ideologische und politische Funktion des Sports im totalitären Regime, sondern zeigt auch, wie sich die Karrieren dieser drei Männer bis in die späten sechziger Jahre weiterentwickelt haben. Bedeutungsvoll ist auch Pomians Beschreibung des lange anhaltenden Einflusses dieser Gruppe auf das Nachkriegsbild des Sports der NS-Ära.


Der Beitrag von Miloslav Szabó ist - mehr als die vorangehenden - den Problemen der theoretischen Interpretation des Nationalsozialismus gewidmet. Diese Diskussion könne man nicht als überwunden betrachten, wie auch die Renaissance der Konzeption der "politischen Religion" zeige. Szabó gibt in einem weitangelegten Vergleichsrahmen nicht nur anregende Anhaltspunkte zur Weiterentwicklung dieser Forschungsrichtung: aufgrund der Analyse der Briefe an Alfred Rosenberg, in denen seine Zeitgenossen zu seinem "Opus magnum" Stellung nahmen, versucht er, begriffliches und methodisches Apparat für eine solche Weiterentwicklung empirisch zu untermauern.


Im zweiten Teil der Zeitschrift fasst Lucie Pánková in ihrer Sammelbesprechung die neuere deutsche Literatur zur Geschichte der DDR zusammen. Diese Darstellung der fruchtbaren, facettenreichen und interdisziplinären Erforschung der kommunistischen Diktatur könnte auch für die tschechische Historiographie von Interesse sein.

Der Rexlexion der neueren Entwicklungen in der deutschen (und österreichischen) Zeitgeschichtsschreibung ist auch der Beitrag von Ota Konrád gewidmet. Er stellt die Frage der Folgen der Diskussionen um das Goldhagen-Buch und um die sog. Wehrmachtsausstellung für die Fachliteratur zum Thema Nationalsozialismus. Es zeigt sich, daß beide Diskussionen trotz aller kritischen Einwände, mit denen sich die Fachwelt in diesen Kontroversen zu profilieren suchte, zu einer bedeutungsvollen Änderung der Fragestellung in der deutschen (und österreichischen) Zeitgeschichte beigetragen haben.


Blahoslav Hruška befasst sich in einer Übersicht mit dem Thema der Umgestaltung des Berliner Stadtschlosses, die nicht nur architektonisch, sondern auch politisch höchst brisant ist.


Wie schon aus dieser kurzen Übersicht hervorgeht, ist ein grosser Teil der veröffentlichten Beiträge der NS-Herrschaft gewidmet. Diese Feststellung spiegelt zweifellos das aktuelle Interesse der Zeitgeschichtsschreibung wieder und, wie einzelne Beiträge erkennen lassen, sind sich auch die Autoren selbst dieser Aktualität ganz bewusst - die zwölfjährige NS-Herrschaft ist nicht als eine abgeschlossene Epoche dargestellt; sie wird in dem Kontext der Nachkriegsentwicklung gesehen und von der heutigen Fragestellung geprägt. Diese Einschätzung wird auch von den Herausgebern geteilt. Nichtsdestoweniger werden wir in der nächsten Nummer der SGA auch andere Themenfelder der deutschen und österreichischen Kultur und Zeitgeschichte einbeziehen.


Unser Dank für die sprachliche Korrektur gehört Tim Fauth.

Blahoslav Hruška
Ota Konrád

Herausgeber