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Volker Zimmermann


Der Author (geb. 1968) ist Assistent an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Sudetendeutsche in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und im NS-Staat (1918-1945)

 

Angesichts der aktuellen politischen Diskussion über die deutsch-tschechischen Beziehungen in den Jahren 1938 bis 1945 scheint in Vergessenheit zu geraten, worin ein Kernproblem des Konfliktes zwischen Tschechen und (Sudeten-)Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestand: Die Verkürzung des Blickes der maßgebenden politischen und gesellschaftlichen Kräfte beider Lager auf die eigene “nationale” Position und die mangelnde Bereitschaft, den Weg zu einem Ausgleich zu beschreiten, als dies noch möglich war. Dies ist eine banale Erkenntnis, die aber offensichtlich keine Folgen zeitigt. Denn erstaunlich ist die Tatsache, dass über ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende immer noch auf Schwarz-Weiß-Bilder zurückgegriffen wird, um die Rechtmäßigkeit der eigenen Position zu begründen.


Bei dem folgenden Beitrag handelt es sich um die überarbeitete Fassung eines im Mai 2000 in der Zeitschrift “Literaturspiegel”1 veröffentlichten Artikels und basiert auf einem Vortrag, den der Verfasser am 17. April 1999 im Rahmen einer “Geschichtswerkstatt” mit deutschen und tschechischen Teilnehmern auf der Burg Hohenberg, einer “Grenzlandbildungsstätte” des Sudetendeutschen Sozial- und Bildungswerks, gehalten hat. Die Veranstaltung, in der sich deutsche und tschechische Journalisten, Wissenschaftler und andere Multiplikatoren mit dem Anteil ihrer eigenen Nation an dem Scheitern des deutsch-tschechischen Zusammenlebens befassten, hatte eine offene Diskussion über die Vergangenheit zur Folge.2 Der Verfasser hatte die Aufgabe, in einem einleitenden Vortrag den (sudeten-)deutschen Anteil an der Eskalation des deutsch-tschechischen Konfliktes zu beschreiben – und hoffte zeigen zu können, wie wenig einfache Erklärungsmuster dem damaligen Geschehen und dem Empfinden vieler Menschen gerecht werden.

 

Einleitung

Im 20. Jahrhundert haben beide Seiten, Sudetendeutsche wie Tschechen, Leid und Unrecht zur Genüge erfahren – und so dominiert auf beiden Seiten die Neigung, sich selber in erster Linie als Opfer zu betrachten: die Tschechen als Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückung, die Sudetendeutschen als Opfer der Vertreibung durch die Tschechen. Heute gilt es aber, die Verantwortung der eigenen Seite an dem katastrophalen Verlauf der deutsch-tschechischen Beziehungen aufzuarbeiten und die eigene Seite auch als Täterseite zu begreifen. Dies ist möglicherweise ein sehr schmerzhafter Prozess. Ich möchte daher nicht nur Fehler, Versäumnisse und Verbrechen auflisten, sondern auch einige weitere Gedanken zur Verantwortung sowie zur Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen präsentieren. Generell möchte ich dabei die Frage aufwerfen, ob nicht Hass und Gewalt hätten verhindert werden können – und zwar von der eigenen, in diesem Falle der deutschen Seite.

 

Die Sudetendeutschen in der Ersten Tschechoslowakischen Republik, 1918-1938

Die sudetendeutsch-tschechischen Beziehungen in den Jahren 1918 bis 1938 waren von einem Mangel an Empathie gekennzeichnet. Empathie ist ein in der Psychologie gebräuchlicher Begriff und bezeichnet die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, seine Ziele, seine Sorgen und Ängste zu verstehen. Für Friedens- und Konfliktforscher wie Dieter und Eva Senghaas ist Empathie eine der Voraussetzungen für eine friedliche Konfliktlösung: Empathie sei ein Schutz vor Chauvinismus.3

 

Als 1918/19 die Tschechoslowakische Republik entstand und die Deutschen in Böhmen und Mähren gegen ihren mehrheitlichen Willen in diesen neuen Staat eingegliedert wurden, war der Grundstein für einen in vielerlei Hinsicht klassischen Konflikt zwischen einer Mehrheit und einer starken Minderheit gelegt. Für viele Tschechen schien es offensichtlich zu sein, dass man den Deutschen nicht trauen konnte. Wieso sollte man neben dem “tschechoslowakischen Staatsvolk” ein weiteres, ein deutsches akzeptieren, wenn die überwiegende Mehrheit der Deutschen von Anfang an signalisierte, sich nicht an dem neuen Staat beteiligen und sich lieber Deutsch-Österreich anschließen zu wollen? Die Deutschen beklagten dagegen bekanntlich, dass ihr Selbstbestimmungsrecht missachtet worden sei.

Es gehört wenig Phantasie dazu, die Unvereinbarkeit dieser Sichtweisen und damit den Kern des Übels zu erkennen. Ein frühzeitiges Bemühen um gegenseitiges Verständnis und ein Abrücken von Extrempositionen wäre vonnöten gewesen, um dem Konflikt zu einem möglichst frühen Zeitpunkt die Schärfe zu nehmen. Meines Erachtens war für die Sudetendeutschen zu dieser Zeit ohnehin nur eine einzige Lösung möglich – und diese bestand in einem möglichst pragmatischen Verhalten. In den 1920-er Jahren erzielte der sudetendeutsche Aktivismus mit dem Eintritt deutscher Minister in die tschechoslowakische Regierung einen ersten Erfolg aufgrund eines solchen pragmatischen Denkens, das nationale Interessen nicht in den Vordergrund stellte. Dies war keine Liebesheirat, sondern eine Vernunftehe. In erster Linie versuchten tschechische und deutsche bürgerliche Parteien gemeinsam eine sozialistische Regierungsbeteiligung zu verhindern.

 

Aber eine Vernunftehe muss nicht zwangsläufig zur Scheidung führen, und die Zeichen für ein Arrangement standen nicht einmal ungünstig. Zumindest rhetorisch wurde der nationale Konflikt erst einmal entschärft; der größte Teil der deutschen Wähler unterstützte die aktivistischen Parteien und nicht das negativistische Lager, das die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei und die Deutsche Nationalpartei bildeten. Dass diese Vernunftehe schließlich scheiterte, lag an vielen Fehlern, gerade auch an der Unbeweglichkeit der tschechoslowakischen Regierungspartner und Parteien. Immer wieder wurden sudetendeutsche Beschwerden vorgetragen. Kritikpunkte waren unter anderem die unbefriedigende Regelung der Sprachenfrage und die Errichtung neuer tschechischer Schulen in den mehrheitlich von Deutschen bewohnten Gebieten, während das deutsche Schulwesen benachteiligt werde.

 

Aber es war weniger eine großangelegte nationale Unterdrückung der Sudetendeutschen durch die tschechoslowakische Regierung als kleinliche, schmerzhafte Stiche im Alltagsleben, wie zum Beispiel schikanöse Sprachprüfungen für deutsche Beamte, die Unwillen hervorriefen. Dieser nationale Kleinkrieg auf beiden Seiten machte sich offenbar auf allen Ebenen bemerkbar, etwa auf deutscher Seite in einer geringen Bereitschaft zum Erlernen der tschechischen Sprache. Es existierten aber auch andere Beispiele: Den aus der Habsburgermonarchie überlieferten deutsch-tschechischen Ferienaustausch, der mit dem Ausdruck “na handl” oder “na vexl” bedacht wurde, pflegten zumindest einige Eltern weiter. Nun wäre es wichtig gewesen, hier anzusetzen und früh die Sprache der Mehrheit zu lernen sowie den Kinderaustausch und damit gegenseitiges Kennenlernen gezielt zu fördern. Die Bereitschaft dazu war auf allen Seiten aber offensichtlich gering, und gerade die Allgegenwart des nationalen Gegensatzes im Alltagsleben hat offensichtlich tiefe Spuren hinterlassen.

 

Doch weder das Verweigern des Erlernens der tschechischen Sprache – was natürlich keineswegs für alle Deutschen galt – noch der Kinderaustausch hatten entscheidenden Einfluss auf das Gelingen oder Misslingen des deutsch-tschechischen Verhältnisses in der Tschechoslowakei. Ein wesentlicher Grund für das Scheitern der Verständigung ist vor allem in der Verknüpfung nationaler Fragen mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu sehen. Die seit den frühen 1930-er Jahren im Vergleich zu tschechischen Arbeitnehmern unter den Deutschen überproportional hohe Arbeitslosigkeit hat sich bekanntlich verheerend auf die Stimmung ausgewirkt. Gerade in jenen Jahren hatte die nationale Agitation sudetendeutscher Politiker, die vorwiegend aus dem negativistischen Lager stammten, eine überaus schlechte Wirkung auf das deutsch-tschechische Verhältnis. Die Scharfmacher in nationalistischen deutschen Verbänden und Parteien sahen ihre Chance gekommen und schoben jegliche Schuld an der wirtschaftlichen und sozialen Misere der tschechoslowakischen Regierung zu.

 

Die Regierung ihrerseits verharrte in Untätigkeit. Dies war ein unverzeihlicher Fehler, denn, um wieder die Konfliktforschung anzuführen, ist eine Voraussetzung für einen friedlichen Ausgleich die Eindämmung wirtschaftlicher und sozialer Konfliktpotentiale. Studien über die wirtschaftliche Lage der Deutschen in der Tschechoslowakei kommen zu dem Schluss, dass keine zielgerichtete nationale Böswilligkeit der Regierung für die schlechte Lage der deutschen Arbeitnehmer verantwortlich war, sondern in erster Linie Strukturprobleme: veraltete Betriebe, eine exportorientierte Konsumgüterindustrie usw. Es ist aber bemerkenswert, mit welcher Energie die Schuld einseitig einer tschechoslowakischen Benachteiligungspolitik zugeschrieben wurde 4. Diese massive Propaganda war mitverantwortlich für die Eskalation. Eine zielgerichtete Förderung der tschechoslowakischen Grenzgebiete durch Prag sowie eine massive soziale Unterstützung der in Not geratenen Menschen hätte ihr jedoch vielleicht den Boden entziehen können.

Doch nun gelang den nationalistischen sudetendeutschen Kräften der politische Durchbruch. Damit verbunden ist der Begriff des “Sudetendeutschtums”. Erst jetzt trat dieser für jedermann sichtbar im Namen einer Partei auf: der von Konrad Henlein geführten “Sudetendeutschen Heimatfront”, ab 1935 “Sudetendeutschen Partei” (SdP). Die Henleinpartei trat bekanntlich an, alle Sudetendeutschen zu vertreten und propagierte eine sudetendeutsche Identität. Nach Auffassung der Konfliktforscher ist bei einer Bedrohung der Identität auch die Empathie gefährdet 5. Die Bereitschaft sinkt, sich in andere hineinzuversetzen. Die sudetendeutsche Identität ist bekanntlich eine mehr oder weniger künstliche gewesen, die auf einer Abwehrhaltung gegenüber dem nationalen “Gegner” beruhte.

 

Da zur sudetendeutschen Identität die Angst vor deren Gefährdung von Beginn an dazugehörte, war offensichtlich die Neigung vieler “Volkstumspolitiker” groß, sich nicht auf den Gegenüber einzulassen. Viele Menschen, die sich um Verständigung bemühten und mit tschechischen Institutionen zusammenarbeiten, galten als Nestbeschmutzer. Außer als Bindemittel im “Volkstumskampf” hatte diese Identität tatsächlich keine große Basis. Ein Bewohner Nordmähren-Schlesiens musste mit einem Deutschböhmen nicht viel gemein haben, viele Menschen fühlten sich eher mit ihrer Heimatregion als mit einem “Sudetenland” verbunden. Ein Beispiel dazu am Rande: Als im Oktober 1938 über die Zukunft der Sudetendeutschen im NS-Staat diskutiert wurde, wandten sich Vertreter des nordmährisch-schlesischen Bezirks Freudenthal vehement gegen die Eingliederung in einen sudetendeutschen Gau 6. Das wollten nur die böhmischen SdP-Vertreter, um von dem Fleiß der schlesischen Sudetendeutschen zu profitieren, argumentierten sie. Man selber wolle Schlesien angegliedert werden! Die Grundlage der “sudetendeutschen Identität” war von Anfang an brüchig. Dass diese aber jetzt von der Henleinpartei repräsentiert wurde, machte die Lage jedoch schwieriger.

 

Dabei liegt das Problem meines Erachtens nicht in der Frage, ob diese Partei bereits seit 1933, 1935, 1936 oder 1937 nationalsozialistisch ausgerichtet war. Auch dem Streit zweier Gruppen im sudetendeutschen nationalistischen Lager, den ehemaligen Mitgliedern des ständestaatlich orientierten Kameradschaftsbundes und dem nationalsozialistischen Aufbruch-Kreis, sollte in dieser Frage nicht eine so große Bedeutung beimessen werden, wie ihm gemeinhin in der wissenschaftlichen Literatur und der Publizistik zugestanden wird. Denn auch die meisten der ehemaligen Kameradschaftsbündler waren derart nationalistisch eingestellt, dass sie nicht ausgleichend wirken konnten und wollten. Der betont völkische Charakter der Henleinbewegung von Anfang an reichte aus, um den Konflikt zwischen Tschechen und Deutschen zu verschärfen.

 

Soziale Not und nationale Zielsetzung verbanden sich nun mit einem zutiefst antidemokratischen Politikverständnis, was die Auseinandersetzung um einen wichtigen Faktor erweiterte. Es ging nicht mehr nur um Tschechen und Deutsche, sondern auch um die Auseinandersetzung zwischen autoritären Politikmodellen, wie sie sowohl der Kameradschaftsbund als auch im Aufbruchkreis vertraten, und der demokratischen Tschechoslowakei. Nicht mehr alleine der nationale Aspekt spielte in dem Konflikt eine Rolle. Der Bund der Landwirte, die Christlich-Soziale Volkspartei und die Sozialdemokraten waren schließlich ebenfalls “sudetendeutsch”, führten aber zugleich einen politischen Kampf gegen Henlein. Die Henleinpartei nahm allerdings für sich in Anspruch, für alle Sudetendeutschen zu sprechen. Seit Mitte der 1930-er Jahre gelang es ihr dann auch tatsächlich mit einem großen propagandistischen Aufwand, sich als einzige Organisation der Deutschen in der Tschechoslowakei zu präsentierten, die deren Interessen erfolgreich vertreten konnte. In diesem Zusammenhang dürfte die anhaltende Arbeitslosigkeit unter den Sudetendeutschen den Zulauf zur SdP ebenfalls gefördert haben.

 

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass nach 1945 in vielen Stellungnahmen sudetendeutscher Organisationen und Publizisten zur deutsch-tschechischen Geschichte der Zwischenkriegszeit die Tatsache oft vernachlässigt wird, dass die Tschechoslowakei eine funktionierende Demokratie war – am Ende die letzte in Mitteleuropa. Dies lässt es zu, Schlüsse daraus zu ziehen, wie wenig dieser Aspekt erst recht in den 1920-er und 1930-er Jahren zählte. Das mag angesichts des in der mitteleuropäischen Zwischenkriegszeit dominierenden Bewusstseins verständlich sein, wirkte sich aber katastrophal aus. Der Wert persönlicher, bürgerlicher Freiheit interessierte kaum; alles wurde einem nationalistischen “Einheitsfieber” untergeordnet. Geistliche sahen ihren Aufgabenbereich um “nationale Schutzarbeit” erweitert, sudetendeutsche Verbände schlossen sich mehr und mehr zusammen. Gleichzeitig führte den Sudetendeutschen die Propaganda des nationalsozialistischen Deutsches Reiches ein vermeintlich attraktiveres politisches Programm vor Augen.

 

Was “sudetendeutsch” war, bestimmte die Logik der SdP, die sich immer mehr dem reichsdeutschen Nationalsozialismus annäherte und diesen Annäherungsprozess spätestens 1937 beendet hatte. Nun kam auch die rassistische Propaganda stärker ins Spiel. Juden dürfte recht früh klar gewesen sein, dass sie nicht zu dem von der Henleinbewegung definierten “Sudetendeutschtum” gehörten. Deutsche Sozialdemokraten und Kommunisten wussten ebenfalls, worauf die Sache hinauslief. Der Begriff “Sudetendeutschtum” aus dem Munde der SdP meinte gleichzeitig ein autoritäres Staatsverständnis, später offen die so genannte “Deutsche Weltanschauung” – den Nationalsozialismus. Den letzten tauglichen Versuch, die Lage zu retten, unternahmen junge Vertreter des Aktivismus 1937. Dass er scheiterte, ist nicht ihnen anzulasten – auch die tschechoslowakische Regierung unternahm zuwenig, um diese letzte Chance zu nutzen.

 

In diesem Zusammenhang ist noch auf den “Anschluss” Österreichs als außenpolitisches Signal hinzuweisen: Spätestens nach seinem Vollzug waren große Teile der sudetendeutschen Bevölkerung nicht mehr bereit zu einem Ausgleich. Der reichsdeutsche Sicherheitsdienst urteilte in seinem Jahreslagebericht 1938: “Die entscheidenden Folgerungen [aus dem “Anschluss” Österreichs] wurden vor allem in Sudetendeutschland gezogen, wo eine letzte Gleichschaltung aller politischen, kulturellen und sonstigen Organisationen gelang und die deutsche Einheitsfront aller Lebensbereiche erreicht werden konnte, die den späteren Anschluß der Sudetengebiete ohne innere Schwierigkeiten ermöglichte.”7 Es hatte noch kein deutscher Wehrmachtssoldat den Fuß auf tschechoslowakischen Boden gesetzt, da hatten sich die meisten Sudetendeutschen unter Führung der SdP bereits selber gleichgeschaltet. Eine andere Überzeugung kann man angesichts der Quellenlage kaum gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt, ab dem März 1938, war angesichts der aufgepeitschten nationalistischen Gefühle eine Verständigung nicht mehr möglich. Die Propagandaapparate des Deutschen Reiches und der Henleinpartei hatten an dieser Entwicklung einen bedeutenden Anteil.

 

 

II. Die Sudetendeutschen im NS-Staat 8

Da die Mehrzahl der Sudetendeutschen nach 1938 im Reichsgau Sudetenland lebten, halte ich ihn bezüglich der Frage nach der Verantwortung der Sudetendeutschen im NS-Staat für wichtiger als die Geschichte des Protektorats Böhmen und Mähren. Die Frage nach der Beteiligung Sudetendeutscher an der nationalsozialistischen Herrschaft ist hier entscheidend. Dass die Entwicklung dieses Gebietes lange Zeit kaum untersucht worden war, begünstigte die Verbreitung unbelegter Pauschalurteile. In der tschechoslowakischen kommunistischen Historiographie und Publizistik war die Vorstellung weit verbreitet, fast alle Sudetendeutsche seien treue Anhänger Hitlers gewesen – diese Argumentation diente letztendlich als moralische Begründung für die Vertreibung der Deutschen nach 1945. Von der Seite sudetendeutscher maßgebender Vertriebenenverbände und Publizisten wurde der Eindruck erweckt, kaum ein Sudetendeutscher hätte im Gau etwas zu sagen gehabt. Es ist eindeutig, dass damit eine moralische Verantwortung für die Verbrechen der Diktatur geleugnet wird. Wie bereits erwähnt, neigen beide Seiten dazu, sich in erster Linie als Opfer zu sehen; diese vereinfachenden Bilder von dem Geschehen in den Jahren 1938 bis 1945 sind Resultat dieser Haltung.

 

Es ist jedoch auffallend, wie stark einheimische Politiker in der Anfangsphase an der Einführung der nationalsozialistischen Ordnung in den angeschlossenen Gebieten beteiligt waren. Den Aufbau der NSDAP betreuten zwar reichsdeutsche Funktionäre, doch ist dies kein Hinweis auf eine erzwungene Gleichschaltung. Die Sudetendeutsche Partei hatte ihre Organisationsstrukturen denen der NSDAP vor dem Einmarsch so weit angeglichen, dass meist nur die Amtsbezeichnungen ausgewechselt werden mussten. Ehemalige SdP-Funktionäre leiteten nach dem Einmarsch alle NSDAP-Gauämter und alle Kreisleitungen, Konrad Henlein wurde zum Gauleiter ernannt. Dies war die Fortsetzung des freiwilligen Gleichschaltungsprozesses, den die Henleinpartei seit Mitte der 1930-er Jahre betrieben hatte. In der Verwaltung waren dagegen viele reichsdeutsche Beamte vertreten. Dies ist unter anderem damit zu erklären, dass wenige mit der Verwaltungspraxis des Reiches vertraute Einheimische zur Verfügung standen. Repräsentative Posten waren jedoch auf den ausdrücklichen Wunsch Henleins hin in der Hand von Sudetendeutschen, so zum Beispiel die der drei Regierungspräsidenten in Karlsbad (Regierungsbezirk Eger), Aussig und Troppau.

 

Die einheimische Führungselite war allerdings darum bemüht, ihren Einfluss in der Verwaltung zu stärken. Wie am Beispiel der Landräte belegt werden kann, lösten auf Drängen der Gauleitung 1939 Sudetendeutsche viele reichsdeutsche Beamte ab. Rund die Hälfte der Landräte des Gaus waren somit Einheimische. Obwohl in der Verwaltung bis zum Kriegsende viele in den Gau versetzte Kräfte blieben, hatten aber keineswegs lediglich die so genannten “Altreichsdeutschen” etwas zu sagen. In vielen Fachreferaten, gerade in denen, die mit der Politik gegenüber den Tschechen befasst waren, wirkten Einheimische. Dies sind Aspekte, die in der Diskussion über die deutsch-tschechische Vergangenheit berücksichtigt werden müssen. Die Öffentlichkeitsarbeit und die Literatur fast aller maßgebenden sudetendeutschen Vertriebenenorganisationen spielten diese Tatsachen allerdings herunter. 9 Erst in letzter Zeit scheint sich dies langsam zu ändern.

 

Es gibt einen weiteren wichtigen Aspekt in der Diskussion über die NS-Zeit, den ich hier nur kurz anreißen kann. Es handelt sich um Auseinandersetzungen zwischen den ehemaligen Kameradschaftsbündlern, ehemaligen Aufbruchkreis-Mitgliedern und dem Sicherheitsdienst der SS im Gau Sudetenland. Durch diesen Streit nahmen im Gau einige Reichsdeutsche Positionen ein, die vorher in der Hand von Sudetendeutschen gewesen waren. Aber dies ist nicht als grundsätzlicher Konflikt zwischen reichsdeutschen nationalsozialistischen Hardlinern und sudetendeutschen “Gemäßigten” aus dem Gau zu interpretieren. Diese Entwicklung hatte ihre Logik innerhalb des NS-Systems, in dem Konkurrenzkämpfe in vielen Regionen des Reiches und auf vielen Ebenen des Staats- und Parteiapparates zu beobachten waren. Im Fall des Reichsgaus Sudetenland hing dies mit der Zurückdrängung des Einflusses der Bündischen Jugend und mit der Ausschaltung vermeintlich Homosexueller – oft ehemaliger Mitglieder des Kameradschaftsbundes, die als politisch unzuverlässig galten – zusammen. Solche “Säuberungen” betrafen also keine NS-Gegner, sondern Personen, die aus anderen Gründen ausgeschaltet werden sollten.

 

Ein eingeschränkter sudetendeutscher Einfluss machte sich vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet bemerkbar. Hoffnungen einheimischer Unternehmer wurden insofern enttäuscht, als sie eine Unterstützung ihrer exportorientierten Konsumgüterindustrien erwarteten. Die Reichsführung hatte demgegenüber vor allem im Sinn, den Gau in ihre Rüstungspolitik zu integrieren. Aus diesem Grund wurde eine Umstrukturierung hin zur kriegswirtschaftlichen Produktion in die Wege geleitet. Im Laufe des Krieges verstärkte sich dieser Trend. Von der Neuordnung der Besitzverhältnisse im Zuge der Übernahme jüdischer und tschechischer Betriebe und Unternehmen profitierten vor allem reichsdeutsche Konzerne und Banken, insbesondere die Hermann-Göring-Werke, die Dresdner Bank, die Deutsche Bank, die IG Farben und die SS. Ihnen gelang es, besonders lukrative Unternehmen in ihren Besitz zu überführen. Einheimische Betriebe hatten meist zuwenig Kapital, um sich ihren Anteil an der Beute zu sichern.

 

Als besonders wichtiges Charakteristikum der Politik im Gau ist die Politik gegenüber der tschechischen Minderheit zu nennen. Gerade sie ist für die Beantwortung der Frage wichtig, was Deutsche gegenüber Tschechen zu verantworten hatten. Die Politik gegenüber der tschechischen Minderheit im Gau war ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Anliegen der sudetendeutschen Gauleitung. Dauernd postulierten sudetendeutsche Funktionäre einen sogenannten “Grenzlandkampf” gegen die Tschechen. Sie wollten einen großen Teil der tschechischen Minderheit, die laut Volkszählung von 1939 rund 291.000 Personen zählte, am liebsten aus dem Gau entfernen. Diese Bemühungen galten vor allem den Tschechen, die sich aufgrund eines Optionsvertrages aus dem Jahre 1938 für die Tschechoslowakei entschieden hatten. 10

 

Die Gauleitung konnte dieses Ziel aber aus zwei Gründen nicht erreichen: Erstens verboten dies von Oktober 1938 bis März 1939 die Obersten Reichsbehörden aus außenpolitischer “Rücksichtnahme”, zweitens lehnten seit März 1939 die Protektoratsbehörden eine Aussiedlung von Tschechen aus dem Gau in das Protektorat ab. Dies destabilisiere die Lage im Protektorat, argumentierten unter anderem der Staatssekretär beim Reichsprotektor, Karl Hermann Frank, und später auch der Chef des Reichssicherheitshauptamtes und stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich. Die sudetendeutsche Gauleitung konnte also ihre Ziele nicht durchsetzen. Um so ärger enttäuschte sie die “Realpolitik” der Obersten Reichsbehörden, die Tschechen für den Arbeitseinsatz in der Rüstungsproduktion brauchten. Deren Zahl stieg deswegen im Gau während der Kriegszeit trotz der Proteste Henleins und seiner Mitarbeiter stetig.

 

Zudem sind Unterschiede zwischen den Auffassungen der Gauleitung und der SS bezüglich der Behandlung der Tschechen festzustellen. Während die SS die laut ihrer Terminologie “rassisch gutwertigen” Tschechen “umvolken” wollte, pochte die Gauleitung zusätzlich zu den “Rassenmerkmalen” auf ein weiteres Kriterium: die politische Zuverlässigkeit. Der Streit endete mit dem Austausch des Leiters des zuständigen Gauamtes gegen einen Vertreter der SS-Linie. Es ist bezeichnend, dass beide Sudetendeutsche waren. Sudetendeutsche Funktionäre betonten unentwegt, dass sie die eigentlichen Kenner der Tschechen seien – “altreichsdeutsche” Funktionäre würden die Tschechen unterschätzen. Für die Lage der tschechischen Minderheit waren diese “Unterschiede” unerheblich, denn weder die Obersten Reichsbehörden noch die sudetendeutsche Gauleitung wollten ihnen irgendwelche Minderheitenrechte gewähren. Die Tschechen verloren ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Selbständigkeit. Besonders auffällig ist eine rigide Schulpolitik der Nationalsozialisten, die tschechischen Kindern im Gau eine weiterführende Ausbildung verwehrte. Die Realisierung der Umvolkungspläne scheiterte schließlich am Kriegsverlauf und dem weiteren Bedarf an tschechischen Arbeitskräften. Es zeigt sich also, dass bei grundsätzlichen politischen Entscheidungen die Obersten Reichsbehörden am längeren Hebel saßen, auch wenn sich die sudetendeutsche Gauleitung dagegen wehrte und ihre feindliche Haltung gegenüber den Tschechen betonte.

 

Doch wie verhielt sich die sudetendeutsche Bevölkerung im NS-Staat? Ihr größter Teil begrüßte bekanntlich den Anschluss. Kriegsgefahr, sozialer Druck und die so genannte “nationale Unterdrückung” in der Tschechoslowakei schienen überwunden. Es wurden angesichts der Arbeitslosigkeit hohe Erwartungen an das NS-Regime geknüpft. Viele Sudetendeutsche wollten in nationalsozialistische Organisationen aufgenommen werden. Im April 1943 zählte die NSDAP-Sudetenland rund 527.000 Mitglieder. Damit waren, gemessen an der Bevölkerungszahl, im Vergleich zum gesamten Reichsgebiet im Gau überproportional viele Menschen Parteimitglieder. Die SA zählte 1939 bereits rund 160.000 Mitglieder. Dies bedeutete zwar nicht, dass alle diese Menschen fanatische Nationalsozialisten waren. Doch viele dieser Beitrittswilligen hatten bereits den Pogrom gegen Juden im November 1938 miterlebt, sie hatten gesehen, wie im Oktober 1938 sudetendeutsche Sozialdemokraten und Kommunisten verhaftet wurden. Die hohen Mitgliederzahlen und andere Bekundungen der Zustimmung zum NS-Regime wurden also erreicht, als der nationalsozialistische Terror für jeden Bewohner des Gaues offensichtlich war. Man sorgte sich offensichtlich weniger um die Unterdrückung und hoffte auf die möglichen sozialen Verbesserungen, die durch den “Anschluss” an das Deutsche Reich lockten. Zudem forderten einheimische Parteifunktionäre eine Dankbarkeit für diesen “Anschluss” und schufen damit eine sudetendeutsche Variante der NS-Propaganda, die entsprechend auf die Menschen wirkte.

 

Doch bald war es mit der Anfangseuphorie vorbei: Der langsame wirtschaftliche Aufschwung hatte nicht für die gesamte Bevölkerung die erhoffte Verbesserung ihrer sozialen Lage zur Folge, besonders nicht für die starke Industriearbeiterschaft. Die schnelle Beseitigung der Arbeitslosigkeit begeisterte zwar, doch schon nach kurzer Zeit, im Frühjahr 1939, wuchs die Unzufriedenheit. Vor allem wurde eine Preis- und Lohnschere beklagt. Die Unzufriedenheit nahm solche Ausmaße an, dass Henlein persönlich in der Öffentlichkeit dazu Stellung nehmen musste. Sudetendeutsche beschwerten sich außerdem über die hohe Zahl der reichsdeutschen Beamten, über deren angeblich anmaßendes Verhalten und darüber, dass diese ihre Lebensart nicht verstehen würden. Die im Reichsgau besonders radikal durchgeführte Auflösung von Vereinen bzw. deren Eingliederung in NS-Organisationen wurde oft nur widerwillig hingenommen.

 

Zahlreiche Menschen waren mit der kirchenfeindlichen Politik der Nationalsozialisten unzufrieden. Wie in Bayern protestierten Gläubige gegen das Entfernen von Kreuzen aus den Schulen. Dass Kruzifixe aus den Klassenzimmern verschwanden und die Gestapo missliebige Pfarrer verhaftete, führte sogar in einigen Fällen zu kleineren Demonstrationen. Nun sollte man, wie der britische Historiker Ian Kershaw bezüglich der Untersuchung der Bevölkerungsmeinung im NS-Staat betont 11, die Unzufriedenheitsäußerungen nicht überbewerten oder vielleicht sogar – dies ist meiner Ansicht nach vollkommen verfehlt – generell auf eine regimefeindliche Haltung schließt. Die NS-Berichte über die Stimmung der Bevölkerung enthalten immerhin erstaunlich viel Kritik. Dies war aber nur eine Seite der Medaille, denn der Unmut bezog sich auf Einzelerscheinungen und stellte das System nur in Ausnahmefällen in Frage.

 

Es wird anhand der Quellen deutlich, dass sich die Mehrzahl der Sudetendeutschen kaum anders verhielt als die Bewohner in anderen Gebieten des Deutschen Reiches. Viele Sudetendeutsche beurteilten bei aller Kritik die Ideologie einer deutschen “Volksgemeinschaft” positiv. Dies hatte allerdings eine zusätzliche Ursache: Die meisten Sudetendeutschen wollten nicht zurück in einen tschechoslowakischen Staat und waren deshalb zu weitgehenden Arrangements mit dem NS-Regime bereit. Diese Haltung wurde offensichtlich durch den ehemaligen Status einer nationalen Minderheit in der Tschechoslowakei gefördert. Zudem ist Hitler als “Befreier des Sudetendeutschtums” ausgesprochen populär gewesen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass kritische Äußerungen zur Politik gegenüber den Tschechen kaum festzustellen sind, im Gegenteil: selbst wenn man vielen NS-Berichterstattern unterstellt, sie wollten ihre eigene Meinung mit Hilfe der Berichte transportieren, fällt die negative Haltung offenbar nicht weniger Sudetendeutscher gegenüber Tschechen auf. Kritik an der Judenverfolgung lässt sich nur in einem bestimmten Maß während der Pogrome im November 1938 belegen, im Allgemeinen dominierte aber offenbar eine weitgehend indifferente Haltung in dieser Frage. Nur selten sind Fälle von Solidarität zu belegen, zum Beispiel, als im Reichsgau Sudetenland Deutsche bei Ämtern gegen die Ausweisung von Tschechen vorsprachen, oder als Bauern bei der Vertreibung von tschechischen Nachbarn weinten.

 

Auffallend ist, dass gegen Kriegsende die Furcht vor einem tschechischen Aufstand wuchs. Die Sudetendeutschen befanden sich somit in einer denkbar schlechten Position. Auf der einen Seite wussten sie um die ausweglose militärische Situation und wünschten sich Frieden, auf der anderen Seite fürchteten sie die Konsequenzen einer deutschen Niederlage. Die Angst vor einer eventuellen tschechischen Rache ist meines Erachtens einer der Hauptgründe für eine regimetreue Haltung mancher Sudetendeutscher in den letzten Kriegsjahren. Einigen Berichte zufolge machten sich einige Reichsdeutsche bereits über das angebliche Pflichtbewusstsein der Sudetendeutschen lustig. 1944 nutzten Henlein und Karl Hermann Frank zudem ihre Kenntnis von Vertreibungsplänen der tschechoslowakischen Exilregierung für ihre Durchhaltepropaganda. Der sudetendeutsche Kommunist Gustav Beuer erklärte bereits 1943 den geringen Widerstand im Gau unter anderem mit der Angst vor einem tschechischen Aufstand bzw. mit einer Vertreibung 12. Wenn man über mangelnden sudetendeutschen Widerstand redet, muss diese Angst berücksichtigt werden. Lediglich Sozialdemokraten und Kommunisten sowie Teile der tschechischen Minderheit wehrten sich gegen das NS-Regime, doch viele Gruppen wurden schnell von der Gestapo zerschlagen. Die Mehrheit der Sudetendeutschen wandte sich bis zuletzt nicht gegen das NS-Regime.

 

Schluss

In diesem Beitrag sollte gezeigt werden, dass der anfangs klassische Konflikt zwischen einer Mehrheit und einer starken Minderheit seit den 1930-er Jahren in einer erstaunlichen Geradlinigkeit eskalierte und welchen Anteil sudetendeutsche Funktionäre daran hatten – sie waren identisch mit denen, die später die Schlüsselpositionen im NS-Apparat des Reichsgaus Sudetenland besetzten. Die aktivistischen Parteien, die bis Mitte der 1930-er Jahre die Unterstützung der meisten Sudetendeutschen besaßen, hatten in dem Moment kaum noch Aussicht auf Erfolg, als sich die soziale und wirtschaftliche Misere mit einem übersteigerten Nationalismus verband und die tschechoslowakische Regierung die demokratischen Kräfte nicht beispielsweise mittels sozialer Hilfen für sudetendeutsche Arbeitslose oder einer wirtschaftlichen Förderung der besonders von der Wirtschaftskrise betroffenen Gebiete unterstützte. Vielleicht wäre dies ein Signal gewesen, das die SdP-Propaganda beeinträchtigt und eine Verhärtung der nationalen Fronten zumindest abgeschwächt hätte.

 

Seit dem Einmarsch der Wehrmacht im Oktober 1938 erwiesen sich viele Sudetendeutsche als zuverlässige “Volksgenossen”, viele ihrer politischen Führer als zuverlässige Funktionäre der NSDAP und anderer nationalsozialistischer Organisationen. Dennoch trifft die offensichtlich immer noch verbreitete Vorstellung, die Sudetendeutschen seien kollektiv verantwortlich gewesen, nicht zu. Die Unterschiede sind unter anderem im Wahlverhalten – selbst bei den letzten Parlamentswahlen der 1. ÈSR im Jahre 1935 stimmte immerhin ein Drittel der deutschen Wahlberechtigten nicht für die Sudetendeutsche Partei – und in der unterschiedlichen Erwartungshaltung von Teilen der deutschen Bevölkerung in Böhmen und Mähren zu erkennen. So trieb unter anderem offensichtlich der Wunsch nach stabilen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen sowie die verhärteten nationalen Fronten und keine nationalsozialistische Gesinnung viele Sudetendeutsche in die Henlein-Partei, während Konrad Henlein und eine hohe Zahl von SdP-Funktionären ohne Zweifel aufgrund ihrer nationalistischen und antidemokratischen Weltanschauung zunächst zu Helfern der reichsdeutschen Expansionspolitik und ab Oktober 1938 zu Trägern der NS-Herrschaft in Böhmen und Mähren wurden. Sudetendeutsche Sozialdemokraten, Kommunisten und andere NS-Gegner, aber auch die Menschen, die das NS-System aus Angst vor Verfolgung nicht kritisierten, sind selbstverständlich nicht mit den Befürwortern der NS-Politik gleichzusetzen. Diese Unterschiede sollten in der aktuellen politischen Diskussion nicht vergessen werden. Einfache Schwarz-Weiß-Bilder werden den Erlebnissen der meisten Deutschen und Tschechen nicht gerecht. Davon abgesehen machen sie einen Mangel an Empathie deutlich, der nun der Vergangenheit angehören sollte.

 

 

 

1. Literaturspiegel. Wissenschaftliches Informations- und Diskussionsforum, Nr. 43, Mai 2000, S. 9-17.

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2. Geschichte im Gespräch - Dejiny v rozhovoru, hrsg. von der Grenzlandbildungsstätte Burg Hohenberg mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung Stuttgart und der Bernard Bolzano Stiftung Prag, [Hohenberg 2000]

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3. Dieter und Eva Senghaas, Si vis pacem, para pacem - Überlegungen zu einem zeitgemäßen Friedenskonzept, in: Eine Welt oder Chaos? Redaktion Berthold Meyer, Frankfurt am Main 1996 (Friedensanalysen 25), S. 245-300, hier: S. 258 ff.

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4. Zur Frage des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftspolitik und nationalen Auseinandersetzungen vgl. beispielsweise Christoph Boyer, Die Vergabe von Staatsaufträgen in der ÈSR in den dreißiger Jahren - ein Vehikel zur Ruinierung der sudetendeutschen Wirtschaft?, in: Das Scheitern der Verständigung. Tschechen, Deutsche und Slowaken in der Ersten Republik 1918-1938. Für die deutsch-tschechische und deutsch-slowakische Historikerkommission, Jörg K. Hoensch und Dušan Kováè Hrsg., Essen 1994 (Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und der Deutsch-Slowakischen Historikerkommission, Band 2, zugleich: Veröffentlichungen des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Band 2): S. 81-117, und ders., Nationale Kontrahenten oder Partner? Studien zu den Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen in der Wirtschaft der ÈSR (1918-1938), Oldenbourg, München 1998 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Institut für Zeitgeschichte Hrsg., Band 42).

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5. Senghaas/Senghaas, Si vis pacem, a.a.O., S. 259.

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6. Schreiben des Bezirkshauptmanns in Freudenthal an den Chef der Zivilverwaltung bei der Heeresgruppe 1 vom 10.10.1938. Zemský archiv Opava [Landesarchiv Troppau], Úøad vládního prezidenta Opava [Amt des Regierungspräsidenten Troppau], Inv.-Nr. 549.

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7. Jahreslagebericht 1938 des Sicherheitshauptamtes, in: Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938-1945, Heinz Boberach Hrsg., Herrsching 1984, S. 93.

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8. In diesem Kapitel werden einige Forschungsergebnisse präsentiert, die sich im wesentlichen auf die Monographie Volker Zimmermann, Die Sudetendeutschen im NS-Staat. Politik und Stimmung der Bevölkerung im Reichsgau Sudetenland, Essen 1999 (Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und der Deutsch-Slowakischen Historikerkommission, Band 9, zugleich: Veröffentlichungen des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Band 16) stützen.

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9. Volker Zimmermann, Složitý vztah k minulosti - sudetští Nìmci a národní socialismus [Schwieriger Umgang mit der Vergangenheit - die Sudetendeutschen und der Nationalsozialismus], in: Mezinárodní vztahy [Internationale Beziehungen] 1996/4, S. 29-38; ders., Sudetští Nìmci a nacionální socialismus. Otevøené otázky v sudetonìmeckém historickém pohledu [Die Sudetendeutschen und der Nationalsozialismus. Offene Fragen im sudetendeutschen Geschichtsbild], in: Studie o sudetonìmecké otázce [Studien zur sudetendeutschen Frage], vyd. Ústav mezinárodních vztahù [Institut für Internationale Beziehungen Hrsg.], Praha 1996, S. 54-92.

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10. Volker Zimmermann, Die Sudetendeutschen im NS-Staat, a.a.O.: S. 287f.

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11. Ian Kershaw, Alltägliches und Außeralltägliches: ihre Bedeutung für die Volksmeinung 1933-1939, in: Die Reihen fest geschlossen. Beiträge zur Geschichte des Alltags unterm Nationalsozialismus, Detlev Peukert und Jürgen Reulecke Hrsg., Wuppertal 1981, S. 273-292, hier: S. 277.

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12. Gustav Beuer, Sudetendeutsche wohin? Probleme des sudetendeutschen Anti-Hitler-Kampfes, London 1943, S. 3 und 36. Zurück zum Text