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Thorsten Pomian


Der Author (geb. 1972) ist an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf tätig.


Kontinuitäten deutscher Sportgeschichte

Ausgangsfragen

Legt man das von Fritz Fischer dargelegte These eines Kontinuitätsproblems der deutschen Geschichte 1 zugrunde, nach welcher es zwischen den wirtschaftlichen, politischen und militärischen Eliten Deutschlands eine dauerhafte Kooperation vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik gegeben habe, die aufgrund von ebenfalls kontinuierlich zusammenfallenden Interessen entstanden war, so kann man für den Bereich des Sports ebenfalls solche personelle und ideelle Kontinuitäten feststellen. Bedenkt man die wichtige herrschaftsstabilisierende Funktion, die der politisch instrumentalisierte Sport im Dritten Reich innehatte, kommt diesen Kontinuitäten eine nicht unerhebliche Bedeutung zu. Anhand dreier Sportfunktionäre, die 1933 zu Sportführern wurden, um wiederum nach dem Krieg, nach einer kurzen Pause, wieder zu Sportfunktionären in einflußreichsten Positionen wurden, soll dieser Zusammenhang verdeutlicht werden; ergänzend wird die Gründungsgeschichte des Deutschen Sportbundes (weiter: DSB), bei der die alten Eliten entscheidend mittaten, kurz umrissen und die - gelinde ausgedrückt – ambivalente Art der Aufarbeitung der Geschichte des Sports im Nationalsozialismus beschrieben, die erst seit den sechziger Jahren auf wissaenschaftlich-kritische Wiese erfolgte, nachdem bis dahin verklärende Darstellungen ehemaliger Beteiligter vorgeherrscht hatten; dabei wird auch auf das Fortschreiben dieses apologetischen Geschichtsbildes in neueren sportgeschichtlichen Arbeiten eingegangen werden.

Drei Karrieren

Carl Diem (1882-1962) 2war einer der wichtigsten Sportfunktionäre der Weimarer Republik. Als Generalsekretär des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen (weiter: DRA) 3 war er an vielen Entwicklungen mitbeteiligt, die eine erhebliche Besserstellung des Sports in der Gesellschaft zur Folge hatten. 4 1933 wurde er Generalsekretär des Organisationskomitees der Olympischen Sommerspiele, die 1936 in Berlin stattfanden und damit entscheidend verant-wortlich für die Inszenierung und Durchführung der Spiele, d.h. eben auch für die damit trans-portierte Kampfesideologie. Später übernahm Diem die Führung des Gaues Ausland des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (weiter: NSRL) 5 und war damit sowohl für die Belange der deutschen Sportler außerhalb Deutschlands als auch für die internationalen Beziehungen des NSRL zuständig. Darüberhinaus verfaßte Diem zahlreiche Schriften, zum einen journalistischer (hier oft für die Wochenzeitung “Das Reich”), zum anderen sportwissen-schaftlicher Natur. Während des Krieges war auch Carl Diem in die Propagandamaschinerie eingebunden, d.h. konkret: er hielt “sportwissenschaftliche” Vorträge über Sport zur Stärkung der Kampfesmoral auf dem Weg zum endgültigen Sieg; diese fragwürdige Engagement gipfelte im März 1945 in einer Rede vor der Hitler-Division Großdeutschland, einer Volkssturmeinheit, die sich zum größten Teil aus Hitlerjungen, also Jugendlichen zusammensetzte: Unter häufigem Rekurs auf Größen wie Opferbereitschaft und das antike Sparta - beide übrigens schon Kern-lemente der Eröffnungsfeierlichkeiten der Berliner Sommerspiele - forderte er zum siegreichen Endkampf gegen die deutschen Feinde auf und trieb damit die Jugendlichen in einen sinnlosen Tod zur Verteidigung des Reichssportfeldes. Dies fand nur unweit von dem Ort statt, an dem zur Eröffnung der Olympischen Spiele der Langemarckmythos des freiwilligen Opfertodes junger Menschen inszeniert worden war, nur war es 1945 eben kein Spiel mehr.

Nach dem Krieg konnte Diem schnell wieder hohe Positionen im deutschen Sport einnehmen, obwohl es anfangs Widerstände ehemaliger Arbeitersportler gegeben hatte. Er gehörte den Vor-ständen des Nationalen Olympischen Komitees (weiter: NOK) und des DSB an, fungierte einige Zeit (1949-1954) als Sportreferent der Bundesregierung und war Gründungsrektor der Deutschen Sporthochschule in Köln; er wurde zum Professor ernannt und erhielt mit dem Großen Bundes-verdienstkreuz mit Stern eine herausragende Auszeichnung von staatlicher Seite.

Guido von Mengden (1896-1983) 6 kam über den Sportjournalismus in eine Funktionärslaufbahn: 1924 wurde er Geschäftsführer des Westdeutschen Spielverbandes, der mitgliederstärksten Regionalgruppe im Deutschen Fusball-Bund (weiter: DFB), 1933 - mittlerweile war er Mitglied der NSDAP- wurde er Pressewart des DFB und wechselte 1935 zum Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (weiter:DRL). 7 Dort arbeitete er anfangs ebenfalls als Pressereferent, übernahm aber im darauffolgenden Jahr als Generalreferent des Reichssportführers die Leitung der Sportverwaltung. Nach der Umwandlung des DRL in den NSRL, die von ihm entschieden mitbetrieben wurde, blieb er als Stableiter an der Spitze der Verwaltung. Parallel dazu war er Hauptschriftleiter - heute etwa Chefredakteur - von “NS-Sport”, dem offiziellen Organ des NSRL. Seine ideologisch verbrämten Ermunterung-sartikel brachten ihm später den Ruf eines “Goebbels des deutschen Sports” ein.

Nach 1945 arbeitete er zunächst unter Pseudonym als Journalist, bis er dank hilfreicher Vermittlung (u.a. durch Carl Diem) in höchste Stellungen im bundesdeutschen Sportverbänden gelangte: 1951 wurde er Geschäftsführer der Deutschen Olympischen Gesellschaft, 1961 Generalsekretär des NOK und war von 1954 bis 1963 Hauptgeschäftsführer des DSB.

Karl Ritter von Halt (1891-1964) 8 - seinen Titel erwarb er im Zuge einer Auszeichnung im Ersten Weltkrieg - war erfolgreicher Zehnkämpfer (fünf deutsche Meisterschaften zwischen 1911 und 1921, Achter der Olympischen Spiele 1912) und wurde nach dem Krieg Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und 1929 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (weiter: IOC). Zusammen mit Carl Diem und Lewald setzte er sich erfolgreich für die Vergabe der Olympischen Sommerspiele an Berlin bzw. der Winterspiele an Garmisch und Partenkirchenein; bei letzteren war er als Präsident des Organisationskomitees für die Durchführung verantwortlich und betrieb u.a. die zeitweilige Entfernung antijüdischer Schilder aus den Spielorten, um bei den ausländischen Beobachtern der Spiele ein positives Deutschland-bild zu erzeugen. Von Halt hatte schon während der Auseinandersetzungen im Vorfeld der Olympischen Spiele gewissermaßen als Verbindungsglied zwischen IOC und Hitler gewirkt und auch während der Spiele selbst vermittelte er die (eher seltenen) Bedenken des IOC an den Führer. 9 Von Halt stieg sowohl in den internationalen Organisationen als auch im NS-Staat rasant auf: 1937 wurde er in den Exekutivausschuß des IOC gewählt, im Zuge der Arisierung gelangte er zu persönlichem Wohlstand,wurde sogar Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und gehörte dem “Freundeskreis Reichsführer SS” an, einem Verbund industrieller und finanzieller Eliten zur zusätzlichen Finanzierung des stark expandierenden SS-Apparates. 1942 wurde er SA-Oberführer, am 18.9.1944 wurde er auf Erlaß Himmlers kommissarischer Reichssportführer, bei Kriegsende leitete er ein Volkssturmbataillon.

In russische Gefangenschaft geraten wurde er bis 1950 in Buchenwald interniert und kam erst auf diplomatischen Druck der IOC-Mitglieder Edström und Brundage frei: Die beiden alten Freunde von Halts machten eine IOC-Mitgliedschaft der Sowjetunion von seiner Freilassung abhängig. Zusätzlich mit einem Freibrief von Brundage ausgestattet (“von Halt is not a politician and was never a Nazi”) stand von Halts Nachkriegskarriere nichts mehr im Wege: 1951 wurde das IOC-Mitglied Präsident des deutschen NOK und setzte den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik im Sport durch, indem er die Unabhängigkeit des NOK des DDR bestritt: Bis zu seinem Tod wurde die DDR vom IOC nicht voll anerkannt und mußte bei Olympischen Spielen zusammen mit der Bundesrepublik eine gesamtdeutsche Mannschaft bilden.

Neuformierung im deutschen Sport nach 1945 10

Nach Kriegsende traten die drei gesellschaftlichen Stömungen, die auch schon in Weimarer Zeiten den Sport repräsentiert hatten, nämlich bürgerlicher Sport, Arbeitersport und konfes-sionelle Verbände, wieder auf den Plan.

Die konfessionellen Verbände bekannten sich als erste zur Einheit des Sports und die katholische Jugendkraft wie das evangelische Eichenkreuz gehören bis heute korporativ dem DSB an.

Das sportpolitische Engagement der ehemaligen Arbeitersportler hatte spürbar nachgelassen (so spielten auf dem ersten Nachkriegsparteitag der SPD 1946 sportpolitische Themen nur eine untergeordnete Rolle); der Plan einer Wiedergründung einer selbständigen Arbeitersportorgani-sation wurde letzendlich verworfen, Vorbehalte der Alliierten mögen dabei ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Absicht der Arbeitersportler, in einem künftigen Einheitsverband eine führende Rolle zu spielen.

Die bürgerlichen Fachverbände traten ebenfalls für einen einheitlichen Dachverband ein und postulierten den unpolitischen Charakter des Sports, auch um ihre Haltung im Dritten Reich zu erklären und rechtfertigen.

Wirkliche inhaltliche Gegensätze bestanden also nicht in der Frage, ob ein (gesamt-gesellschaftlicher) Einheitsverband oder verschiedene, bestimmten sozialen Gruppen zugeord-nete Dachverbände geschaffen werden sollten; vielmehr war das künftige Organisationsprinzip heftig umstritten: Die Vertreter des Fachverbandsprinzips traten für eine weitgehende Autonomie der alten bürgerlichen Fachverbände ein; diese bestanden schon in Vorformen und erzielten dabei beträchtliche Spieleinnahmen, über die man die Verfügungsgewalt behalten wollte. Ihre Widersacher waren die Anhänger eines gemischten Organisationsprinzips, die sich vor allem in den schon bestehenden Landessportbünden (weiter: LSB) wiederfanden; die bürgerlichen Sportverbände sollten ihre Autonomie teilweise zugunsten einer Kontrolle durch die LSB aufgeben. Im Kern ging es bei dieser Auseinandersetzung um Geld und Einfluß.

Dieser schwelende Konflikt verzögerte die Gründung des DSB erheblich, später trat noch ein weiterer Streitpunkt hinzu, da sich die Turner in einem (ihrer Ansicht nach) englisch geprägten Sportbund unterrepräsentiert sahen. In dieser Situation wuchs Willi Daume in eine Vermittler-rolle und wurde damit zum einzigen tragbaren Kandidaten für das Amt des DSB-Präsidenten, in das er am 10.12.1950 gewählt wurde.

Der DSB war anfangs dual organisiert, den alten bürgerlichen Verbänden waren die LSB gegenübergestellt, doch schon bald gewannen die finanziell starken Verbände ein deutliches Übergewicht, auch was die Bestimmung der Agenda betraf. So wurde eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit unter Hinweis auf die unpolitische Haltung des Sports verdrängt. Der DSB war in seinem Einheitscharakter einmalig in der deutschen Sport-geschichte, allerdings darf nicht vergessen werden, daß in ihm die alten bürgerliche Sporteliten in Wahrung einer Kontinuität von Weimar bis in die Bundesrepublik maßgeblich blieben.

Sporthistoriographie und Nationalsozialismus

Bis zu Hajo Bernetts Arbeiten zur Nationalsozialistischen Leibeserziehung in den sechziger und seinen weitereführenden Untersuchungen zur nationalsozialistischen Sportpolitik in den 70er Jahren 11 hatten sich im Grunde nur ehemalige Protagonisten selbst mit der Aufarbeitung der Rolle des Sports und seiner Funktionäre während des Nationalsozialismus beschäftigt: Die erste sozusagen historische Abhandlung sollte in einem vom DSB herausgegebenen Jahrbuch erscheinen. Ursprünglich hatte Carl Diem ein Manuskript verfaßt, das der damalige Hauptgeschäftsführer des DSB, Guido von Mengden, aber ablehnte und durch sein eigenes ersetzte. Diems Manuskript, 12 das lange als verschollen galt und 1980 von Lorenz Pfeiffer kommentiert herausgegeben worden ist, nahm schon eine sehr unkritische Haltung zu den Sportfachleuten ein, die Olympischen Spiele sah Diem gar frei von nationalsozialistischer Propaganda, was mit Naivität nur unzureichend erklärt werden kann, bedenkt man, daß es doch Carl Diem selbst war, der für die regimekonforme Inszenierung gesorgt hatte. Seine eigene Rolle wie auch vieler anderer Sportfunktionäre wird unvollständig oder beschönigend dargestellt; dennoch scheint von Mengden dies zu weit gegangen zu sein, im betreffenden Jahrbuch erschien sein eigener Beitrag “Vom Deutschen Reichsauschuß zum NS-Reichsbund für Leibesübungen”. 13 Der Tenor dieses Beitrags war, daß der Sport unter einer generellen Zwangssituation seine Selbständigkeit nur durch linientreues Verhalten nach außen habe wahren können; außerdem hätten nie dagewesene Möglichkeiten der Sportförderung bestanden. Insgesamt weist von Mengdens Beitrag eine deutlich apologetische Tendenz auf, blieb aber maßgeblich für das historische Bild des Sports im Nationalsozialismus, bis mit Bernetts schon erwähnten Arbeiten die wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema begann.

Einen weiteren Anstoß brachte die Veröffentlichung der Reihe “Sportführer im Dritten Reich” mit sich, die in den siebziger Jahren von Horst Ueberhorst herausgegeben wurde. 14 1976 erschien Bernetts Beitrag über Guido von Mengden, den “Generalstabschef des deutschen Sports”, in dem seine einflußreiche Position ebenso hervorgehoben werden wie von Mengdens Nähe zu den natonalsozialistischen Machthabern, die sich in seiner steilen Laufbahn und in seinen vielfältigen Tätigkeiten ausdrückte.15

Guido von Mengden beteiligte sich 1980 noch selbst an der Diskussion und äußerte sich zu Ber-netts Vorwürfen. “Umgang mit der Geschichte und mit Menschen. Ein Beitrag zur Geschichte der Machtübernahme im deutschen Sport durch die NSDAP” heißt sein Buch, 16 das – um das Positive vorweg zu nehmen- das Verhältnis zwischen der Organisation “Kraft durch Freude” und dem nationalsozialistischen Sportverband dank neuer Quellen unter Ergänzung einiger Details beschreibt. 17 Ansonsten ist es ein apologetisches Werk, in dem die These vom Sport, der in einer Notstandsituation durch Anpassung gerettet werden mußte, wiederholt wird; fragwürdige Entscheidungen werden euphemistisch als unbedeutend dargestellt: So gilt die Übernahme des Jugendsports durch die Hitlerjugend plötzlich als schweren Herzens zugelassene Adoption und die Dietarbeit, 18 deren energischer Förderer von Mengden war, wird als lächerliche Pflichtübung bezeichnet. Natürlich könne - nach von Mengden - auch von einer bewußten Überantwortung des Sports durch seine Funktionäre keine Rede sein und es habe sich an seiner Struktur auch nicht viel geändert, “wenn man von der Umstellung auf das Führerprinzip und von der Ausschaltung oder Diskriminierung der jüdischen Sportler einmal absieht”. Dies ist ein sehr bezeichnendes Zitat für ein Werk, das sich auch durch eine selektive Quellenauswahl auzeichnet: Von Mengdens ebenso wort- wie zahlreiche Aufrufe, durch Sport den SA-Geist zu veredeln oder den politschen Soldaten zu formen sucht man vergeblich wie auch seine Durchhalteparolen im Krieg, die er praktisch ohne Unterbrechung verfaßt hatte.

Diese Haltung, die handelnde Subjekte zu reagierenden Objekten umdefiniert, ist bezeichnend für eine apologetische Herangehensweise an die eigene Vergangenheit, die nicht nur im Bereich des Sports zu finden ist. Doch ist die Geschichtswissenschaft (als Mutter der Sportgeschichte) mittlerweile von dem Erklärungsmodell, das hier verkürzt Befehlsnotstand genannt werden soll, abgerückt; um so bedenklicher stimmt es, wenn dieser (unwissenschaftliche) Entschuldigungs-ansatz auch in neuesten sportgeschichtlichen Publikationen weiterlebt: Zwei neuere Arbeiten - zum einen die offizielle Geschichte des DFB, 19 zum anderen eine Biographie zu Karl Ritter von Halt 20 - seien hier als Beispiele dafür angeführt, wie mit einer unzutreffenden Ausgangshypothese und konsequentem Auslassen unliebsamer Fakten ein Geschichtsbild suggeriert wird, in dem die handelnden Personen zu gutwilligen Objekten mutieren. Zur Entlastung werden auch unkommentiert Aussagen herangezogen, die von Personen getätigt wurden, die selbst in die beschriebenen Vorgänge verstrickt waren, so daß am Ende der DFB-Präsident Felix Linnemann der SS angehören konnte, ohne Nationalsozialist zu sein, ebenso wie von Halt SA-Oberführer und Mitglied des Freundeskreises Reichsführer SS war, ohne überzeugter Parteigänger Hitlers zu sein; vielmehr komme ihm wie auch den anderen apologisierten Sportführern der Status eines von einem abstrakten System politisch Verführten zu – im Kontext von Norbert Freis Vergangenheitspolitik gesprochen. 21 Nach Frei ist dies typisch für Selbstbeschreibungen ehemaliger Nationalsozialisten, umso fragwürdiger ist das Weiterschreiben solcher Erklärungs-muster (besser: Verklärungsmuster) in der modernen Sportgeschichtsschreibung.

Fazit

Fischers Kontinuitätsproblem kann auch für die Sporteliten in Deutschland konstatiert werden. Der reibungslose Übergang zum nationalsozialistischen Herrschaftssystem findet im geschmei-digen Wiedereintritt in eine bundesrepublikanische Funktionärslaufbahn seine Entsprechung.

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Dritten Reich unterblieb lange, auch weil die Diskussion von Beteiligten selbst geführt wurde, die apologetische Inter-pretationsmuster vorgaben; zudem waren viele der NS-Sportfuhrer eben in der Bundesrepublik wieder in hohe Positionen gelangt, was sie zum einen ob ihrer unbestrittenen Nachkriegs-verdienste quasi unantastbar machte und zum anderen die Forschung behinderte, da weder eine Öffnung der Verbandsarchive noch eine finanzielle Förderung kritischer Studien zu erwarten war.

Das Kontinuitätsproblem ist für den Sport lediglich beim Übergang von der Weimarer Republik zum Dritten Reich hinreichend beleuchtet, für den Übergang ins bundesrepublikanische System steht eine solche Forschungsleistung noch aus. Allerdings ist gerade in den letzten Jahren eine erhöhte Publikationsaktivität im Bereich der Sportgeschichte zu verzeichnen, Desiderate gibt es in diesem Bereich bekanntlich zu Genüge und es ist zu hoffen, das einige dieser Lücken in den nächsten Jahren geschlossen werden können.

Anmerkungen:

 

 

1 Vgl.: Fritz Fischer, Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871 – 1945, Düsseldorf 19852.

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2 Vgl. Hajo Bernett, Carl Diem und sein Werk als Gegenstand der sportgeschichtlichen Forschung, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 1(1987), H.1, S. 7-41; Hans Joachim Teichler, Der Weg Carl Diems vom DRA-Generalsekretär zum kommissarischen Führer des Gaues Ausland im NSRL. Ein Beitrag zur Erforschung der Rolle der bürgerlichen Funktionselite in der nationalsozialistischen Dikatatur, in: Ebd., S. 42-91; Ders., Die Rolle Carl Diems in der Zeit und im zeitlichen Umfeld des NS-Regimes, in: Ebd. 10 (1996), H.3, S. 56-79. Grundlegend: Horst Ueberhorst, Der “Historikerstreit” und das Kontinuitätsproblem in der deutschen Sportgeschichte, in: Rainer Eisfeld/Ingo Müller (Hrsg.), Gegen Barbarei. Essays Robert M. W. Klemper zu Ehren, Frankfurt am Main 1989, S. 360-384.

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3 Der Deutsche Reichsausschuß für Leibesübungen ist 1917 aus dem Deutschen Reichsausschuß für die Olympischen Spiele hervorgegangen und war der Dachverband der (bürgerlichen) Sportverbände während der Weimarer Republik.

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4 Als Beispiele seien hier angeführt: Das Reichsspielplatzgesetz, das die Kommunen verpflichtete, einen gewissen Anteil ihres Budgets für die Einrichtung von Sportanlagen zu verwenden; die Einführung einer täglichen Turnstunde in der Schule; die Gründung der Deutschen Hochschule für Leibesübungen als Zentrum sportbezogener Forschung und Lehre.

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5 Im Zuge der Gleichschaltung des deutschen Sports wurde mit dem Deutschen Reichsbund für Leibesübungen ein neuer Dachverband geschaffen (proklamiert 1934). Ende 1938 wurde der Verband als Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen praktisch der NSDAP angegliedert. Vgl. hierzu Hajo Bernett, Der Weg des Sports in die nationalsozialistische Diktatur: die Entstehung des Deutschen (Nationalsozialistischen) Reichsbundes für Leibesübungen, Schorndorf 1983.

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6 Vgl.: Hajo Bernett, Guido von Mengden. “Generalstabschef” des deutschen Sports, Berlin u.a. 1976.

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7 Siehe Anm. 5

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8 Vgl.: Hubert Dwertmann, Biografien und Nationalsozialismus. Wie in sporthistorischen Arbeiten die Deutungskompetenz von NS-Sportfunktionären fortgeschrieben wird, in: SportZeit 1(2001), S. 71-100.

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9 Zu den Auseinandersetzungen im Vorfeld der Spiele, die vor allem über die Frage der Teilnahme jüdischer Sportler entstanden: Hans Joachim Teichler, Zum Ausschluß der deutschen Juden von den Olympischen Spielen 1936, in: Stadion 15 (1989), S. 45-64. Streitpunkte während der Spiele waren die Fragen einer von Hitler gewünschten Eröffnungsrede sowie nach der Form des Empfangs der Sieger der einzelnen Disziplinen; vgl. dazu Hans Joachim Teichler, Berlin 1936 – ein Sieg der NS-Propaganda? Institutionen, Methoden und Ziele der Olympiapropaganda 1936, in: Stadion 2 (1976), S. 265-306.

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10 Vgl. Heinz Schröder, Der Deutsche Sportbund im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, Hamburg 1989.

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11 Hajo Bernett, Nationalsozialistische Leibeserziehung. Eine Dokumentation ihrer Theorie und Organisation, Schorndorf 1966; Ders., Sportpolitik im Dritten Reich: aus den Akten der Reichskanzlei. Schorndorf 1971; Ders., Untersuchungen zur Zeitgeschichte des Sports, Schorndorf 1973.

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12 Carl Diem, Der deutsche Sport in der Zeit des Nationalsozialismus. Bearbeitet v. Lorenz Pfeiffer; hrsg. v. Carl-Diem-Institut, Köln, Köln 1980. Vgl. auch Lorenz Pfeiffer, Carl Diem und der Sport in der Zeit des Nationalsozialismus – Anmerkungen zu den Schriften Carl Diems über ein von ihm persönlich erlebtes und mitgestaltetes Kapitel der jüngsten deutschen Sportgeschichte, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 1 (1987), H.1, S. 92-111

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13 Guido von Mengden, Vom Deutschen Reichsausschuß zum NS-Reichsbund für Leibesübungen, in: Deutscher Sportbund (Hrsg.), Jahrbuch des Sports 1955/56, S. 54-78.

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14 Neben Bernetts Beitrag (wie Anm. 7) umfaßt die Reihe folgende Beiträge: Horst Ueberhorst, Edmund Neuendorff. Turnführer ins Dritte Reich, Berlin u.a. 1970; Dieter Steinhöfer, Hans von Tschammer und Osten. Reichssportführer im Dritten Reich, Berlin u.a. 1973; Arnd Krüger, Theodor Lewald. Sportführer ins Dritte Reich, Berlin u.a. 1975; Horst Ueberhorst, Carl Krümmel und die nationalsozialistische Leibeserziehung, Berlin u.a. 1976.

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15 Bernett, Guido von Mengden.

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16 Guido von Mengden, Umgang mit der Geschichte und mit Menschen. Ein Beitrag zur Geschichte der Machtübernahme im deutschen Sport durch die NSDAP, Berlin u.a. 1980.

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17 Hier war der von der KdF massenhaft organisierte Betriebssport ein dauernder Steitpunkt, da dadurch dem Dachverband Mitglieder verloren gingen; es kam zu mehreren Abkommen, in denen der Reichssportführer seine Ansprüche letztendlich nicht durchsetzen konnte; auch der Anschluß des DRL an die Partei brachte hier keine Verbesserung. Vgl. zur Frage des Verhältnisses KdF – DRL/NSRL: Hajo Bernett, Nationalsozialistischer Volkssport bei “Kraft durch Freude”, in: Stadion 5 (1979), S. 89-146 sowie allgemein zum NSRL: Ders., Der Weg des Sports.

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18 Unter Dietarbeit verstand man die Indoktrinations- und Propagandatätigkeit, die von den Dietwarten in den einzelnen Vereinen geleistet wurde.

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19 Deutscher Fußball-Bund (Hrsg.), 100 Jahre DFB. Die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes, Berlin 1999.

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20 Peter Heimerzheim, Karl Ritter von Halt - Leben zwischen Sport und Politik, Sankt Augustin 1999.

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21 Dieser Begriff wurde von Norbert Frei geprägt und bezeichnet die politischen Hintergründe der Vergangenheitsbewältigung, wie sie im Nachkriegsdeutschland stattfand. Vgl.: Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996 sowie Ders., Vergangenheitspolitik in den 50er Jahren, in. Wilfried Loth (Hrsg.), Verwandlungspolitik. NS-Eliten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, Frankfurt am Main u.a. 1998.

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